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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Schlaganfall war die Gelbe Karte

12.09.2018
Frage: Sie sind mit Ihrer Band BAP wieder auf Tournee und spielen immer noch Titel wie „Kristallnaach“, „Bahnhofskino“ und „Arsch huh, Zäng ussenander“, die sich mit dem Rechtsextremismus auseinandersetzen. Was ist Ihr Antrieb?
Niedecken: Ich schreibe über das, was mir durch den Kopf geht. Ich bin ein politischer Mensch, aber kein Politrocker. Bei „Verdamp lang her“ gibt es die Zeile: „Nit resigniert, nur reichlich desillusioniert“. Und ich bin stur, ich will dem rechten Pöbel nicht das Feld überlassen. Ich habe viel politische Literatur gelesen in letzter Zeit, Madeleine Albrights Buch „Faschismus“ zum Beispiel. Es gibt bei uns Parallelen zur Entwicklung in der Weimarer Republik, als man dachte, diese radikalen Spinner sind bald wieder weg.
Frage: Niedecken, Grönemeyer, Campino – stehen bei Konzerten nicht immer dieselben Leute in der ersten Reihe?
Niedecken: In Chemnitz war das glücklicherweise nicht so. Ich habe mich sehr gefreut, dass die geschätzten Kollegen von Kraftklub in ihrer Heimatstadt so engagiert sind. Die können darüber hinaus sehr gut für ihre Generation sprechen. Zudem waren Marteria, Casper und die Hosen dabei. Ich finde das großartig.
Frage: Was unterscheidet Gutmenschen von guten Menschen?
Niedecken: Das Wort „Gutmensch“ ist beleidigend für alle, die sich Mühe geben, dass es weitergeht. Unser Sozialsystem würde zusammenbrechen, wenn es kein Ehrenamt gebe. Denken Sie an die Arbeit in Sportvereinen, den Stadtteilen, sozialen Brennpunkten, in der Flüchtlingshilfe. Es ist gut, dass der Begriff 2015 zum Unwort des Jahres erklärt wurde.
Wolfgang Niedecken mit Autor Oliver Schulz, der BAP erstmals 1982 live in Köln erlebte. BILD: NWZ

Zur Person

Wolfgang Niedecken hat den Kölner Dialekt in der Rockmusik populär gemacht. Der Musiker, Maler und Autor ist seit 1976 Frontmann der Band BAP.

Der 67-Jährige ist zudem bekannt für sein soziales und politisches Engagement. So war er im Jahr 1992 einer der Initiatoren des Kölner Konzerts „Arsch huh, Zäng ussenander“ gegen Rassismus und Fremdenhass.

„Live und Deutlich“ heißt die Tournee, auf der BAP am 6. Oktober auch im Pier 2 in Bremen gastiert. Karten unter:

   

   www.bap.de

Frage: Müssen demokratische Parteien und Politiker gegen Extremismus vorgehen?
Niedecken: Ich bin durchaus dafür, dass die AfD vom Verfassungsschutz viel stärker unter die Lupe genommen wird. Ich behaupte nicht, dass in der AfD oder bei der Pegida nur Nazis sind. Die AfD ist einmal als eurokritische Partei gegründet worden. So was muss die Demokratie aushalten. Aber die Nazis rollen die Partei gerade von hinten auf. Deshalb muss man dieses rechte Gedankengut schonungslos entlarven.
Frage: Anhänger der AfD und von Pegida bezeichnen sich als „Wutbürger“. Was unterscheidet deren Wut von Ihrer Wut, die Sie oft in Liedern beschrieben haben?
Niedecken: Ich bin mit 67 kein wütender junger Mann mehr. Ich kann mir schon erlauben, die Dinge nun etwas gelassener zu sehen. Ich rege mich zwar immer noch auf, aber ich stehe nicht mehr unmittelbar auf dem Tisch. Ich schaffe es zu reflektieren. Und ich will als Rock’n’Roller in Würde altern.
Frage: Durch ihre Afrika-Projekte leisten Sie Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sind regelmäßig in Uganda und im Ostkongo. Muss man zu den Menschen gehen, damit sie nicht zu uns kommen?
Niedecken: Was unserem Nachbarkontinent durch den Kolonialismus an Ungerechtigkeit widerfahren ist, ist erst nach und nach sichtbar geworden. Durch die Globalisierung sind nun Dämme gebrochen. Die Menschen wissen, wie es in Europa aussieht und welche Chancen sie womöglich in Europa hätten. Viele afrikanische Länder werden immer noch von Kleptokraten regiert. Die Korruption dort ist furchtbar. Was will ein junger Mensch tun, der keine Chance sieht? Der bricht dorthin auf, wo er vielleicht seine Familie ernähren kann. Wir Europäer sind verpflichtet, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. So viel Empathie müssen wir doch aufbringen. Wenn dieses Mitgefühl aus unserer Gesellschaft verschwindet, landen wir wieder in der Barbarei.
Frage: Wie kann man neben solch schweren Gedanken ein fröhliches Lied schreiben?
Niedecken: Ich bin Kölner. Und eine melancholische Frohnatur – was sich eigentlich ausschließt. Es läuft derzeit so viel in die falsche Richtung. Ohne meinen Humor würde ich depressiv werden. Ich will auf der Bühne auch meinen Spaß haben.
Frage: Apropos: Wie war es beim Werner-Revival in Hartenholm?
Niedecken: Ich war ein klein bisschen aufgeregter als sonst, weil ich nicht wusste, was da für Leute im Publikum sind, für die man spielt. Beim BAP-Auftritt vor 30 Jahren hatte es ja ganz gut funktioniert. Erstaunlicherweise gab es diesmal viele Hardrocker im Backstage-Bereich, die mit mir ein Selfie machen wollten. Das hat mich überrascht.
Frage: Brösels Comicfigur „Werner“ war ja auch so beliebt, weil er kein Blatt vor den Mund nahm, und, wie man heute sagt, politisch unkorrekt war. Ist das noch zeitgemäß?
Niedecken: Politisch korrekt zu sein und sich an irgendwelche Floskeln zu halten, habe ich nie gemocht. Ich werde unaufmerksam, wenn irgendwo Reden gehalten werden: Liebe Schrebergärtnerinnen und Schrebergärtner. Dann mache ich dicht. Manches wirkt davon wie ein Denkverbot. Ich bin Freidenker. Ich orientiere mich am kategorischen Imperativ. Das reicht mir auch in Glaubensfragen.
Frage: „Live und Deutlich“ heißt die Tour, auf der BAP am 6. Oktober im Pier 2 in Bremen gastiert. Was verbirgt sich hinter dem Motto?
Niedecken: Zunächst mal wurde ein Titel für ein Live-Album gesucht. „Laut und Deutlich“ kam mir zu berufsjugendlich vor. Übrigens war dieses Album gar nicht geplant. Aber mit den drei Bläsern ist plötzlich ein neuer, interessanter Aspekt dazugekommen. Da traf es sich gut, dass unser Frontmixer sieben Konzerte mitgeschnitten hatte. ohne dazu beauftragt zu sein. Wir haben uns die Aufnahmen alle angehört und festgestellt: Das zweite Münchner Konzert im Zirkus Krone war am besten. Ein magischer Abend. Am 2. November kommt das Live-Album heraus – zufällig an meinem siebten Geburtstag.
Frage: Am 2. November 2011 hatten Sie Ihren Schlaganfall.
Niedecken: Das war die Gelbe Karte. Der Schlaganfall hat mich geduldiger gemacht. Erstaunlicherweise haben sich seither so viele interessante Dinge ergeben. Ich habe keine Lust, mein Leben vom Ende her zu leben. Dann würde ich nicht mehr zulassen, dass sich eins aus dem anderen ergibt. Manchmal kommen die Plattenfirmen oder Tourveranstalter mit solchen Ideen.
Frage: Sie meinen Abschiedskonzerte als „Farewell Tour“?
Niedecken: All solche komischen Dinge. Ich mag die Chancen, die sich durch Zufall ergeben. Ich wäre doch sonst nie auf die Idee gekommen, ein Bläser-Trio mit auf Tour zu nehmen, wenn ich mein Soloalbum „Reinrassije Strooßekööter“ von 2017 nicht in New Orleans aufgenommen hätte.
Oliver Schulz
Redakteur
Politikredaktion
Tel:
0441 9988 2094

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