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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Ich gehe Älterwerden ganz entspannt an“

13.03.2019
Frage: Herr Müntefering, Sie haben mit 79 Jahren ein Buch übers Altwerden mit dem Titel „Unterwegs“ geschrieben. Wohin sind Sie unterwegs?
Müntefering: Unterwegs durchs Leben, und zwar länger als Generationen vor uns. Die Lebenserwartung steigt. Wir erleben einen historischen demografischen Wandel. Das ist eine gewaltige Veränderung, die für viele mehr Lebensqualität bis ins hohe Alter bedeutet. Darüber müssen wir reden.
Frage: Ihr Buch über das Alter wirkt voller Zuversicht. Es gibt aber viele ältere Menschen, die weniger optimistisch sind und unter Altersarmut leiden oder sie fürchten. Was muss geschehen?
Müntefering: Hier ist der Staat gefordert, die sozialen Sicherungssysteme zu verbessern und zukunftssicher zu machen. Aber auch jeder Einzelne ist gefragt und kann etwas tun. Vor allem müssen die Kommunen in Deutschland gestärkt werden. Je älter man wird, desto kleiner werden die Lebensräume. Dann braucht man alle Angebote und notwendigen Dienstleistungen in der Nähe, die gesamte Daseinsfürsorge muss garantiert werden. Wir brauchen auch jenseits der Städte eine bessere ärztliche Versorgung und Pflege. Mobilität und Öffentlicher Nahverkehr müssen verbessert werden. Hier ist die Regierung mit ihrer Kommission für Gleichwertige Lebensverhältnisse gefordert.
Frage: Die Digitalisierung bringt Chancen und Risiken mit sich. Alte Menschen können per Internet einkaufen. Doch es droht auch mehr Einsamkeit…
Müntefering: Ja, das ist ein Riesenproblem. Es gibt immer mehr Alte, die allein sind. Daraus kann Einsamkeit entstehen. Sich Lebensmittel liefern zu lassen, ist kein Ersatz für den Einkauf im Laden. Einkaufen ist eine Kultur. Besser auf Rädern zum Essen als Essen auf Rädern! Menschen sollten miteinander essen und sprechen. Das ist eine Kultur, die auch in den Familien erhalten werden sollte.
Frage: Union und SPD streiten über die Einführung einer Grundrente. Was spricht dagegen, die Bedürftigkeit der Bezieher zu prüfen?
Müntefering: Die Einführung der Grundrente ist richtig und ein überfälliger Schritt. Aber es muss auch nach der Bedürftigkeit gehen. Wir haben kein Geld zu verschenken. Das gilt für die Grundsicherung und sollte auch für die Grundrente gelten. Es ist falsch, bestimmte Punkte für nicht verhandelbar zu erklären. So erreicht man keine Kompromisse. Das muss jetzt gemacht und eine Lösung gefunden werden. Sonst gibt es große Enttäuschungen. Das gilt auch für die Konzertierte Aktion Pflege. Mitte des Jahres soll es Ergebnisse geben. Diejenigen, die Angehörige zuhause pflegen, müssen dafür etwa bei der Rente besser gestellt werden.
Frage: Muss angesichts der steigenden Lebenserwartung nicht auch das Renteneintrittsalter erhöht werden? Wird es in Zukunft die Rente erst mit 70 geben?
Müntefering: Nein. Wir haben seit dem Jahr 2000 inzwischen das faktische Renteneintrittsalter um fast fünf Jahre erhöht. Damals lag es noch bei 58 Jahren, heute sind wir bei etwa 63 Jahren. Wir sind der Rente mit 67 schon deutlich näher gekommen. Männer und Frauen dürfen nicht mehr unterschiedlich bezahlt werden. Und wir brauchen vernünftige Bezahlung und einen anständigen Mindestlohn von 12 Euro.
Frage: Sie haben Ihrem Buch ein Zitat von Hannah Arendt vorangestellt, Politik sei angewandte Liebe zum Leben. Vermissen Sie das in der heutigen Politik?
Müntefering: Wir reden immer sehr abstrakt über Politik. Schauen wir ins Grundgesetz, da sind die ersten 19 Artikel den Menschen gewidmet. Erst dann kommt die Politik. Wir reden immer, als ob Politik das Eigentliche und Entscheidende sei. Aber das Wichtigste sind die Menschen. Solidarität zum Beispiel kann der Staat nicht erzwingen. Eine solidarische Gesellschaft kann der Staat nicht verordnen, die muss von den Menschen kommen. Die Sache mit der Gerechtigkeit ist die zentrale Aufgabe des Staates. Solidarität und Freiheit kommen vom Menschen. Ein Beispiel: Hospiz – da kümmern sich Tausende von Ehrenamtlichen um sterbende Menschen. Das können Sie nicht verordnen. Politik ist wichtig, aber sie ist nicht alles.
Frage: Haben Sie Angst vor dem Tod? Wie soll man das Altwerden angehen?
Müntefering: Man braucht Mut zum Leben. Ich gehe das eigentlich ganz entspannt an. Ich weiß nicht, ob ich das durchhalten werde bis zum Schluss. Ich habe das Sterben zwei Mal ganz persönlich und nah erlebt: bei meiner Mutter und bei meiner Frau. Das Sterben ist ein Teil des Lebens. Nicht der Tod, der liegt dahinter. Die meisten Menschen sterben normal. Dieser eine Mensch ist erschöpft und kann nicht mehr. Und irgendwann weiß er das auch. Dann lebt er auch damit. Und stirbt damit. Manchmal sind die, die am Bett stehen, aufgewühlter als die, die gehen. Ich möchte den Weg sehenden Auges gehen. Ob ich das durchhalten werde…? Ich weiß es nicht! Ich habe meinen Teil dafür getan, Vernunft reinzubringen.
Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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