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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Schluss mit dem Konkurrenzkampf

23.07.2019
Frage: Herr Professor Beine, in Ihrem Buch „Tatort Krankenhaus“ von 2017 fordern Sie „Klasse statt Masse“ und eine Reduzierung der Krankenhausbetten. Jetzt empfiehlt eine aktuelle Bertelsmann-Studie die Schließung von 800 der 1400 deutschen Krankenhäuser. Sind Sie begeistert?
Beine: Das ist eine Bestätigung für mich. Es tut mir allerdings ein bisschen leid, dass die Diskussion geführt wird unter der Überschrift „Weniger Krankenhäuser“.
Frage: Welche Überschrift wäre Ihnen denn lieber?
Beine: Verbesserung der Versorgungsqualität. Bündelung der Kompetenzen. Mehr medizinische Kompetenz dort, wo sie hingehört.
Frage: Nach Verbesserung der Versorgungsqualität hört es sich für mich aber nicht an, wenn ich zuerst zig Kilometer fahren muss, um versorgt zu werden.
Beine: Natürlich gibt es irgendwann den Konflikt zwischen Nähe und Qualität. Ich muss schon in Kauf nehmen, dass größere Distanzen überbrückt werden müssen. Aber das ist eine Frage, wie diese Wege und die Begleitung gestaltet werden. Wenn man die Ressourcen, die in diesem Lande aufgewendet werden, um so viele Krankenhäuser vorzuhalten, darauf verwenden würde, um qualifizierte ambulante mobile Teams 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr vor Ort präsent zu halten, dann wäre eine Qualitätsverbesserung die Folge.
Frage: Sie glauben, mobile Teams können eine bessere Versorgung sicherstellen als wohnortnahe Krankenhäuser?
Beine: Die Qualität der wohnortnahen Versorgung ist doch nicht gebunden an das Gemäuer Krankenhaus, das in meiner Nähe ist. Sondern es geht um die Qualität der Versorgung, wenn ich einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall habe, um meine Überlebenschance. Ich könnte eine Infrastruktur schaffen, dass zum Beispiel bei der Herzinfarktversorgung EKG-Ableitungen direkt geschrieben und online übergeleitet werden könnten in die nächste Spezialklinik. Hier könnten Experten, die jeden Tag mit solchen Notfallsituationen umgehen, den örtlichen Notfallteams Anweisungen geben. Wir können sicher sagen, dass die Ergebnisse in der Schlaganfall- oder Herzinfarktversorgung in Deutschlands keinesfalls zur Spitzengruppe gehören in Europa. Da sind andere Länder mit einer geringeren Krankenhausdichte wesentlich weiter als wir.
Frage: Sie meinen, es gibt dort eine geringere Sterblichkeit nach Herzinfarkten?
Beine: Unsere Nachbarn im Norden exerzieren uns das vor: Wenn ich auf Bornholm einen Herzinfarkt erleide und in Kopenhagen versorgt werde, dann habe ich dennoch eine wesentlich bessere Überlebenschance als vor zehn Jahren, als es dort noch eine Klinik gab, trotz des langen Weges. Das liegt an der besseren Primärversorgung vor Ort, der verbesserten Transportbegleitung und dem direkten Kontakt mit den Spezialisten im Zentrum.
Frage: In „Tatort Krankenhaus“ schreiben Sie, Deutschland sei mit acht Krankenhausbetten pro 1000 Einwohnern europaweit Spitzenreiter. Das klingt toll, ist es laut Ihnen aber nicht. Heißt das, viele Krankenhäuser in Deutschland arbeiten schlecht?
Beine: Das heißt zumindest, dass die Qualität der Versorgung in der Fläche nicht so ist, wie sie sein könnte, wenn wir die stationäre Versorgung zentralisieren würden und das vorhandene Personal und die vorhandenen Ressourcen zentrieren würden auf eine gute Primärversorgung vor Ort und größere Zentrumskrankenhäuser, die personell und apparativ besser ausgestattet sind. Das heißt, die Primärversorgung vor Ort geschieht vorwiegend ambulant in Gesundheitshäusern und stellt in jedem Fall zu jeder Zeit eine unverzügliche Transportmöglichkeit mit kompetenter Begleitung sicher. Selbstverständlich schließt dies ein, dass Röntgen- oder EKG-Befunde jederzeit via Telemedizin mit den Experten im Zentrumskrankenhaus beraten werden können.
Frage: Läuft das nicht zwangsläufig hinaus auf eine Angebotskonzentration zugunsten der Städte und zulasten der ländlichen Regionen?
Beine: Die Konzentration an Krankenhäusern, die zu einer Überversorgung führen, die finden Sie vorwiegend in Ballungszentren. Es kann doch nicht sinnvoll sein, dass in einem Radius von 20 Kilometern fünf verschiedene Krankenhäuser Hüftgelenksersatze anbieten! Da können Sie sich vorstellen, was daraus resultiert: Nämlich ein Konkurrenzkampf der Krankenhäuser untereinander um die Patienten, die Hüftgelenke kriegen könnten. Dass wirtschaftliche Interessen die Indikation mitbestimmen für medizinische Eingriffe, das ist längst eine Weisheit, die Sie von allen Ärzten und vor allem von Chefärzten hören können. Wenn Sie Vorgaben haben als Chefarzt, dass Sie bei Operationen bestimmte Mindestquoten zu erreichen haben, dann läuft die Gebührenordnung im Hinterkopf mit, wenn Sie medizinische Entscheidungen treffen.
Frage: Besonders kritisch beurteilt werden weite Fahrwege beim Thema Geburt. Was sagen Sie den schwangeren Frauen?
Beine: Es muss gute und mobile Hebammenteams geben, die Schwangerschaften begleiten und überwachen. Und effiziente Transportmöglichkeiten und kompetente Transportbegleitungen. Das Thema Geburt ist ein Extrembeispiel für das, über das wir reden. Wenn eine Frau mit Risikoschwangerschaft von Sylt aufs Festland transportiert werden muss, dann setzt das Infrastruktur voraus. Aber das Ergebnis wird besser sein, wenn dafür gesorgt wird, dass es eine effiziente Logistik gibt, die diese Frau erstens vor Ort gut versorgt und zweitens sie nach dorthin bringt oder fliegt, wo es ein Geburtshilfezentrum gibt mit entsprechender Versorgung der Mutter und des Kindes. Es ist ja nicht damit getan, dass die Geburt gut verläuft, sondern es geht dann auch darum, dass der Säugling adäquat versorgt ist. Das ist eine hoch komplizierte Angelegenheit. Diese Spezialisierung, die ich da brauche, kann ich in der Fläche nicht vorhalten.
Frage: Sie haben keinen Zweifel: Weniger Krankenhäuser wären ein Gewinn für uns, weil wir mehr Qualität erreichen können?
Beine: Ja, und es gibt noch etwas, was Sie damit erreichen können: Sie können erreichen, dass sich die Gesundheitsberufe wirklich um das Patientenwohl kümmern und nicht darum, dass die Erlöse steigen. Die normale Krankenschwester, der normale Krankenpfleger, die gewöhnliche Ärztin oder der gewöhnliche Arzt, die gelten schnell als Vernichter von Arbeitsplätzen, wenn sie die wirtschaftlichen Vorgaben nicht erfüllen. Das ist ein Spagat, der eine ganze Generation von Pflegepersonen und Ärzten zerreißt. Aber wir haben in Deutschland Legionen von gut bezahlten Funktionären und Gesundheitslobbyisten, die im Zweifel nie einen Patienten gesehen haben, aber dafür sorgen, dass so viel Geld in die Gesundheitsversorgung fließt, wie in kaum einem anderen Land dieser Erde. Deutsche Patienten haben aber trotz der hohen Ausgaben eine niedrigere Lebenserwartung als Schweden oder Italiener. Und es gibt hierzulande trotzdem mehr vermeidbare Todesfälle in Krankenhäusern als in anderen Industrieländern. Die üppigen Geldmittel könnten sehr viel effizienter verwendet werden.
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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