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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Wie Menschen nach dem Unfall in Jever begleitet werden

01.06.2018
Frage: Pastor Grünefeld, Sie sind am Freitag als Notfallseelsorger an die Unfallstelle gerufen worden. Wie sind Sie vorgegangen?
Grünefeld: Der Melder hatte mir bereits erste Informationen geliefert. Ich wusste, es handelt sich um einen „Massenanfall an Verletzten“. Als erstes habe ich mich bei der Einsatzleitung gemeldet. Ich war der erste Notfallseelsorger vor Ort. Eine Kollegin und zwei weitere Kollegen kamen noch hinzu.
Frage: Und der Einsatzleiter hat Ihnen dann gesagt, wo Sie helfen können?
Grünefeld: Genau, er hat mir dann Ersthelfer und Unfallzeugen zugeteilt. Mit diesen Menschen habe ich dann an der Unfallstelle Kontakt aufgenommen. Sie haben hervorragende Erste Hilfe geleistet. Sie mussten aber feststellen, dass sie trotz ihrer Hilfe die Menschen nicht mehr retten konnten. Das ist eine enorme Belastung für die Seele.
Stefan Grünefeld BILD: Klaus Homola

Notfallseelsorger Stefan Grünefeld

Pastor Stefan Grünefeld (49) aus Hooksiel/Pakens koordiniert gemeinsam mit Diakon Fredo Eilts die Notfallseelsorge im Nordkreis Friesland. Er war als erster von vier Notfallseelsorgern beim Unfall auf der Bundesstraße 210 vor Ort.

Die Notfallseelsorge begleitet Menschen in Krisensituationen. Hauptamtliche und Ehrenamtliche kümmern sich um die Betroffenen. Alle Notfallseelsorger sind entsprechend ausgebildet.

Sie werden zu plötzlichen Todesfällen, Unfällen und Bränden mit Toten gerufen, überbringen Todesnachrichten und begleiten Angehörige, Ersthelfer und Zeugen. Sie kümmern sich auch um Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen.

Frage: Sie sind also für die da, die unmittelbar dabei waren, alles gesehen oder geholfen haben?
Grünefeld: Ja, wir kümmern uns um die Beteiligten, deren Seelen extreme Belastungen aushalten muss. An so einem Einsatzort hat jede Einsatzkraft ihre Aufgabe: Die Besatzungen der Rettungskräfte und die Notärzte kümmern sich um die Verletzten, die Polizei sucht Zeugen und versucht das Unfallgeschehen nachzuvollziehen, die Feuerwehren schneiden die Fahrzeuge auf und retten die Insassen.
Frage: Und wie geht man da als Notfallseelsorger vor?
Grünefeld: Ich höre erstmal zu und lasse die Beteiligen erzählen. Bei diesem Unfall haben wir auch noch Schattenplätze für die Ersthelfer und Zeugen gesucht, weil es ja sehr sonnig und heiß war. Wir haben sie mit Getränken versorgt oder ihnen einen Sitzplatz organisiert.
Frage: Und wenn die Beteiligten erzählt haben, dann sprechen Sie mit ihnen?
Grünefeld: Wir klären die Ersthelfer und Zeugen auf. Wir sagen ihnen, dass es sein kann, dass sie durch das Erlebte eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln können.
Frage: Was bedeutet das?
Grünefeld: Wir sagen ihnen, dass sie sich externe Hilfe suchen müssen, wenn sie zum Beispiel von dem Unfall träumen oder plötzlich schreckhaft werden oder auf Situationen im Straßenverkehr reagieren. Die Bilder des Unfalls brennen sich für immer in das Gedächtnis der Menschen ein. Dann kann eine Kleinigkeit, die sie daran erinnert, alles wieder hochkommen lassen und sie handlungsunfähig machen. Plötzlich sind sie wieder an der Unfallstelle.
Frage: Wie geht man denn als Betroffener oder als Angehöriger von Betroffenen mit so einem Trauma um?
Grünefeld: Ihr Umfeld muss jetzt gut darauf achten, ob sich die Unfallbeteiligten verändern. Und die Betroffenen selbst haben nun die Herausforderung, dass sie das Erlebte verarbeiten müssen. Sie müssen lernen, es als Teil ihrer Lebensgeschichte zu akzeptieren. Ihre Aufgabe ist nun, es zu schaffen, ein stabiles Leben zu führen – trotz der Erfahrung, die sie machen mussten.
Frage: Und die Einsatzkräfte? Die nimmt so ein schwerer Unfall doch auch mit.
Grünefeld: Dieser Unfall war schon herausragend für alle Beteiligten – auch für die Einsatzkräfte. Das war eine sehr hohe Belastung. Der Umfang des Unfallgeschehens, die Anzahl der Verletzten und Toten. Vor Ort haben alle Einsatzkräfte erst einmal Hand in Hand gearbeitet. Wir Notfallseelsorger haben uns nur um die Ersthelfer und Unfallzeugen gekümmert. Im Nachgang haben wir uns aber mit den Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehren Jever und Schortens zusammengesetzt. Ich freue mich über die gute Kameradschaft und das Vertrauen zueinander.
Frage: Sie sind also auch weiterhin für die Menschen da?
Grünefeld: Immer und jederzeit. Wenn jemand noch Bedarf hat, dann hören wir zu. Denn oft kommen die Gefühle erst richtig hoch, wenn der Einsatz beendet ist und man wieder mit sich alleine ist. Derzeit steht einer der Notfallseelsorger noch in Kontakt mit einem der Unfallzeugen.
Frage: Wie gehen Sie denn selbst mit dem Erlebten um?
Grünefeld: Die Notfallseelsorger treffen sich in ihrem Kreis. Gespräche sind immer möglich, außerdem haben wir die Möglichkeit der Supervision.
Frage: Und Sie persönlich?
Grünefeld: Ich brauche nach so einem Einsatz erstmal Ruhe, denn das ist sehr anstrengend und kräftezehrend. Ich habe eine Frau, die mir zuhört und mich sehr wertschätzend unterstützt. Das hilft mir sehr.
Rahel Wolf Agentur Hanz / Redaktion Jever
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