Herr Professor Sinn, die Brexit-Verhandlungen haben begonnen. Premierministerin Theresa May ist aus der letzten Wahl geschwächt hervorgegangen. Wie wird sich dies auf die Austrittsverhandlungen auswirken?
SinnEs wird keine harten Beschlüsse geben, die vorsehen, dass Großbritannien nach zwei Jahren die EU verlässt und dann behandelt wird wie ein Drittland mit dem keine Abkommen bestehen.
Wie wird man sich vermutlich einigen?
SinnMan wird Übergangsfristen einräumen, die Zeit lassen, nachzuverhandeln und einige Punkte später zu regeln. Diese Übergangsfristen könnten eine Position implizieren, ähnlich wie sie die EU mit der Schweiz oder Norwegen vereinbart hat. Schwierig werden dürfte es bei der Freizügigkeit, denn die Briten sind nicht bereit, hier nachzugeben. Auch wollen sich die Briten keinesfalls der Gerichtsbarkeit des Europäischen Gerichtshofs unterwerfen, worauf die EU besteht. Ich nehme an, dass es auch beim Thema Freizügigkeit einen Kompromiss geben wird. Deutschland täte gut daran, eine Mittlerrolle bei den Brexit-Verhandlungen einzunehmen, die letztlich darauf hinausläuft, dem britischen Wunsch nach einer Fortsetzung des Freihandels trotz einer Beschränkung der Freizügigkeit zu folgen. Dennoch, der Brexit ist per Saldo für beide Seiten nicht gut.
Wie sieht es – in der Zeit konjunkturellen Aufschwungs in Europa – wirtschaftlich auf der Insel aus?
SinnAls Folge des Brexits war ein wirtschaftlicher Einbruch auf der Insel prognostiziert worden. Der ist bis heute ausgeblieben, wie auch der von den Brexit-Gegnern prognostizierte Aktiencrash. Wie gesagt, auch Großbritannien wird per Saldo beim Brexit verlieren. Aber nicht alle Briten stehen auf der Verliererseite. Treffen wird es vor allem den Finanzsektor, der nach dem Brexit für die übrige EU bestimmte Geschäfte nicht wie bisher von der Insel aus tätigen kann. Die Abwertung des britischen Pfundes, die wir schon eine Weile beobachten, wird dauerhaft sein. Der Grund: Sie ist nicht nur durch Kapitalflucht hervorgerufen, sondern auch durch die soeben angeführte Einschränkung des Finanzsektors.
Welche Wirtschaftsbereiche profitieren?
SinnDie erhebliche Abwertung des Pfundes stärkt die internationale Wettbewerbsfähigkeit britischer Produkte. Die billigere Währung führt aber auch dazu, dass die alten Industriegebiete auf der Insel eine neue Chance bekommen. Denn der Brexit wird die Briten von der „Holländischen Krankheit“ befreien.
Das müssen Sie erklären.
SinnAls Holland in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts Gas gefunden hatte, stiegen – aufgrund kräftiger Nachfrage nach dem Rohstoff – die Löhne und der holländische Gulden wertete deutlich auf. Die Folge: Andere Wirtschaftssektoren traten in den Hintergrund, und die niederländische Industrie wurde dezimiert. Die „Holländische Krankheit“ ist ein allgemeines Phänomen, deren Folgen wir auch in Ländern wie Norwegen und Venezuela sehen können. Dort gibt es außer den Ressourcen wenig, was man verkaufen könnte, jedenfalls kaum ein verarbeitendes Gewerbe.
Also werden die Briten unter ihrer bisher bedeutendsten Wirtschaftsbranche zukünftig leiden?
SinnDie EU hat den britischen Finanzsektor groß und das Pfund Sterling stark gemacht. London war der wichtigste Finanzplatz in der EU. Die Folge waren neben der Aufwertung weit überdurchschnittlich hohe Löhne in der Londoner City, mit der die Industrie nicht mehr mithalten konnte. Die britische Indus-trie wurde entscheidend geschwächt und in Teilen sogar vernichtet. Der Brexit wird im Laufe der Zeit allmählich für eine gewisse Umkehr der Verhältnisse sorgen. Der Brexit ist kein Nettogewinn für Großbritannien, aber er ist ein Gewinn für die alten Industriegebiete auf der Insel.
Brüssel gibt sich nach außen hin sicher, dass es keine weiteren EU-Austritte geben wird.
SinnIch glaube nicht, dass es zu weiteren Austritten aus der EU kommen wird. Großbritannien ist ein Sonderfall. Ich halte es für notwendig, dass die europäische Integration voranschreitet. Aber jetzt geht es darum, ob unter den restlichen EU-Mitgliedern ein Europa der zwei Geschwindigkeiten angestrebt werden soll, wie dies neben der Kommission auch der französische Präsident Macron anstrebt – scheinbar im engen Schulterschluss mit Kanzlerin Angela Merkel. EU-Ratspräsident Donald Tusk kritisiert ein solches Europa mit dem Hinweis, die zwei Geschwindigkeiten hätte man bis 1989 schon einmal gehabt. Das brauche man nicht nochmals. Und in der Tat, so teilt man die EU.
