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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Wir haben Russland erniedrigt“

24.10.2017
Frage: In Ihrem neuen Buch greifen Sie noch einmal die Geschichte Ihres ersten großen Erfolgs „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auf, die mitten im Kalten Krieg spielte. Sehen Sie Parallelen zur heutigen Zeit mit neuen Konflikten zwischen Russland und dem Westen?
le Carré: Ich glaube nicht, dass ein Vergleich mit dem Kalten Krieg passt. Die Rolle Amerikas ist heute eine andere. Amerika ist weiterhin unerbittlich kapitalistisch – zum eigenen Leidwesen – aber es ist nicht mehr der Beschützer des Westens. Es läuft auch keine Konfrontation zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Ich sehe darin einen unerbittlichen Wettstreit beider Seiten um einen Ort: Europa.
Frage: Worin sehen Sie die Motivation der Russen?
le Carré: Die Besessenheit der russischen Seite mit Europa ist grenzenlos. Einerseits wollen sie als Europäer angesehen werden und andererseits den Europäern zeigen, dass sie etwas Besseres sind. Aber in Wirklichkeit zahlen wir, glaube ich, einen gewaltigen Preis dafür, dass wir Russland nicht aufrichtig die Hand ausgestreckt haben, als die Sowjetunion in Trümmern lag. Kein Marshall-Plan, keine umfassende Vision für eine neue Welt. Es regierte die Gier: Sich greifen, was geht, den Kadaver zerfleddern. Wir haben Russland erniedrigt, was fatal ist. Wir haben den Bären entehrt. Und jetzt heizt Putin nationalistische Stimmung an.
Frage: Geht es in dem neuen Buch also auch um das Vermächtnis einer ganzen Generation, die den Kalten Krieg gewann, aber danach westliche Werte nicht zu verteidigen wusste?
le Carré: Ja. Außergewöhnlich ist heute, dass soziale Demokratie gleichzeitig aus Ost und West angegriffen wird. Trump und Putin vereint dieses Bestreben, die liberale Demokratie zu untergraben. Dabei gibt es nichts, was sie ersetzen kann. Man erschafft nur Anarchie, die Demagogen hervorbringt.
Frage: Ist das die größte Gefahr für den Westen heute?
le Carré: Das glaube ich, ja. Ich fürchte um die Wahrheit in unserer Gesellschaft. Mich erschreckt die stete Aushöhlung liberaler Grundsätze in der westlichen Welt, das wird von Trump verkörpert und in Europa kopiert. Aus Amerika kommt gerade der Ansporn, alles falsch zu machen. Ermutigung zu Gier, Grausamkeit, irrationalen Racheakten. Trump hat eine giftige Atmosphäre erschaffen, der wir alle ausgesetzt sind. Man kann ihn nicht ignorieren. Er wird nicht über Nacht verschwinden. Er baut ein wirklich schreckliches System auf. Es ist eine Ermunterung für Populisten in Ungarn und Polen – und verschärft in Deutschland die Spaltung zwischen Ost und West.
Frage: Sehen Sie eine Lösung?
le Carré: Ich glaube an Chancengleichheit – über Bildung. Ich glaube daran, dass eine vernünftige Gesellschaft ihre Elite auf demokratische Weise wählt und sich um ihre Verlierer kümmert. Es geht darum, menschliches Mitgefühl in die Politik einzubringen. Das mag abgedroschen klingen – aber die Lösung könnte sein, dass anständige Menschen einander finden.
Frage: Wie soll das funktionieren?
le Carré: Ich denke, wir sollten Trump und seine Truppe im Moment als Schurkenstaat betrachten. Ich würde gern sehen, wie amerikanische Überflieger-Anwälte ihre Roben überziehen und auf die Straße gehen. Sie wissen bestens, dass Trump das Gesetz angreift. Wir brauchen eine energische Geste rechtschaffener Menschen. Etwas, was zeigt: Hier ist die Grenze, ab der wir Dinge nicht mehr dulden werden.
Frage: Kann der europäische Traum eine vereinende Kraft sein?
le Carré: Es ist das einzige, was im Moment bleibt.

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