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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Interview zur deutschen Sprache: „Einige Studierende sind überfordert“

23.11.2021

Frage: Frau Fuhrhop, man hört es immer häufiger von Lehrerinnen oder Dozenten: Kinder und junge Erwachsene haben Probleme bei Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung. Gibt es aktuelle Studien dazu?

Fuhrhop: Ja, es gibt eine aktuelle Bestandsaufnahme von Kristian Berg und Jonas Romstadt, beides ehemalige Oldenburger, jetzt an der Universität Bonn. Sie haben für den Dritten Bericht zur Sprache der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgearbeitet, dass die Zeichensetzung (Interpunktion) in den Abiturklausuren von 1948 bis heute tatsächlich schlechter geworden ist. Allerdings ist damit noch nicht ausgewertet, dass heute sehr viel mehr Personen pro Jahrgang Abitur machen.

Germanistin mit Fachgebiet Grammatik

Prof. Dr. Nanna Fuhrhop (53) ist Expertin für Deutsche Sprache unter Einschluss von Sprachtheorie und Sprachgeschichte – seit 2007 als Professorin an der Universität Oldenburg. Ihre Fachgebiete sind Grammatik und Interpunktion.

Frage: Das heißt?

Fuhrhop: Heute gibt es diejenigen, die recht fehlerfrei Zeichen setzen und die auch das Inventar, also auch das Semikolon, nutzen, immer noch – lassen Sie es nur sechs Prozent sein. Allerdings sieht man auch an den Abiturarbeiten, dass es in früheren Jahren eher Besinnungsaufsätze sind, die bewertet werden. Heute sind es mitunter fachwissenschaftlich fundierte Analysen, die zeigen, dass ein großer Bildungs- und Fachwortschatz beherrscht wird. Das ist die Analyse zur Sprache im Abitur. Zum Ende der Grundschulzeit hat Wolfgang Steinig in Siegen das Gleiche herausgefunden: Die Orthographie wird schon schlechter, aber der Wortschatz steigt an – und hier kann man noch einen Schritt weiter gehen, denn wenn der Wortschatz größer wird, ist ja auch klar, dass potentiell mehr Wörter falsch geschrieben werden. Das betrifft jetzt die Orthographie, hier haben wir tatsächlich viele Regeln.

Bei der übrigen Grammatik kann es immer sein, dass Sprachwandel stattfindet. Und Sprachwandel wird häufig zunächst als ‚Verschlechterung‘ wahrgenommen. Das ist aber kein neues Phänomen. Über den Verfall der deutschen Sprache, insbesondere bei der Jugend, wird schon seit Hunderten von Jahren geklagt. Aber irgendwie sprechen wir immer noch Deutsch (zwinkert).

Frage: Haben Sie speziell an der Uni Oldenburg eine negative Entwicklung wahrgenommen?

Fuhrhop: Was wir feststellen, ist schon, dass mehr Personen Abitur machen und dass wir auch in der Germanistik mehr Studierende zulassen. Also sagen wir so – das Spektrum wird durchaus größer.

Frage: Welches sind die häufigsten Probleme bei Studenten?

Fuhrhop: Auffallend ist schon die Kommasetzung. Mitunter würde ich die als ‚abenteuerlich‘ bezeichnen, insbesondere bei den Germanistikstudierenden. Bei Studierenden anderer Fächer scheint es eher eine recht sparsame Kommasetzung zu sein, das sind zwar genauso viele Kommafehler, aber sie erscheinen weniger abenteuerlich, weil hier mitunter gar keine Kommas mehr gesetzt werden.

Frage: Haben Sie ein Beispiel?

Fuhrhop: Strukturell häufig wird das sogenannte Vorfeldkomma. Das ist eins der wenigen zu viel gesetzten Kommas. ,Trotz der überaus angespannten Haushaltslage, wurde diese Ausgabe beschlossen‘ – dieses Komma ist durchaus häufig. Dennoch ist es nach der heute gültigen Regel ein Kommafehler – wir finden es übrigens auch in Zeitungen und in kollegialen Texten…Ansonsten stellen wir fest, dass sie mehr oder weniger einen wissenschaftlichen Stil imitieren, zum Beispiel mit Passiv, weil sie gehört haben, man solle nicht ‚ich‘ schreiben. Sie tun auch das mehr oder weniger erfolgreich. Aber: Es gehört eben auch zum Studium, diesen Stil zu lernen, sich auszuprobieren. Wie gesagt – manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter.

Frage: Sind einige Studenten an Universitäten überfordert, also nicht mehr in der Lage, wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben?

Fuhrhop: Ja, das denke ich schon. Aber dennoch bin ich vorsichtig: Denn die Studierenden, die sich wirklich schwertun, hatte ich schon immer. Man ist nämlich immer in der Gefahr, von seiner eigenen Erfahrung auf andere zu schließen. Wir haben inzwischen kapiert, dass wir hier ran müssen. So machen wir uns schon viele Gedanken, wie wissenschaftliches Schreiben in die Seminare zu integrieren ist. Und zwar auf allen Ebenen – und wenn es dann im Master ist, dass wir mal veröffentlichte Fachaufsätze auseinandernehmen und beurteilen. Und siehe da – das ist auch nicht immer alles toll, selbst wenn es doppeltblind begutachtet ist. Ja, okay, es sind keine Rechtschreibfehler drin, aber von der Logik der Argumentation haben wir schon echt viel gefunden…

Frage: Wie ist die Selbsteinschätzung der angesprochenen Gruppe? Ist ihr auch bewusst, dass ihr Niveau teilweise nicht mehr so hoch ist??

Fuhrhop: Einige sind sehr verunsichert, das schon. Aber solche hatte ich schon immer – das ist jetzt ein sehr subjektiver Eindruck. Das kann ich nicht wirklich belegen.

Frage: Wie stark ist der Unterschied der Guten im Vergleich zu den Schwachen?

Fuhrhop: Wir haben das ganze Spektrum.

Frage: Warum gibt es diese Probleme Ihrer Meinung nach?

Fuhrhop: Vermutlich kann ich hier nur für die Sprachwissenschaft, also meinen Bereich, sprechen. Man muss eine neue Denke erlernen; zunächst muss man verstehen, dass auch die Grammatik kein starres System ist, sondern dass hier Forschung möglich und auch nötig ist. Dann gibt es natürlich sehr unterschiedliche Methoden, die auch sehr im Wandel sind. Wesentlich ist aber immer, Fragen zu stellen. Und dafür muss das grundlegende Interesse einfach da sein.

Frage: Spielen sozialen Medien und das Handy eine Rolle? Wer sich heutzutage dort Nachrichten durchliest, findet teils in jedem Satz Fehler.

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Fuhrhop: Hier ist das letzte Wort sicher noch nicht gesprochen. Aber: Auch in der gesprochenen Sprache beherrschen wir sehr unterschiedliche Register. Wir sprechen in offiziellen Situationen anders als beim Kaffeetrinken mit der besten Freundin. Allerdings ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wir heute sehr viele Texte lesen von nicht-professionellen Schreibern und Schreiberinnen. Das ist in der Menge sicher etwas Neues. Aber unvollständige Sätze in der gesprochenen Sprache hören wir schon immer und dennoch sind die meisten in der Lage, intuitiv zu verstehen, wann ein Satz vollständig ist.

Christoph Tapke-Jost Redakteur / Newsdesk
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