Herr Professor Conze, wie würden Sie die Atmosphäre bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrags am 28. Juni 1919 umschreiben?

Conze (55)Es gab durchaus Erleichterung auf allen Seiten, weil mit diesem und vier weiteren Verträgen der Erste Weltkrieg tatsächlich beendet wurde. Aber in diese Erleichterung mischten sich rasch Enttäuschung und Verbitterung. Gerade die Deutschen hatten ganz andere Erwartungen. Ihnen wurde erst jetzt klar, dass sie den Krieg verloren hatten.

Gab es Vorbilder, an denen sich die Verhandlungen orientierten?

ConzeDer letzte große europäische Friedensschluss war der Wiener Kongress 1814/15. Er wollte nach den Napoleonischen Kriegen eine stabile internationale Ordnung schaffen – das ist bis zu einem gewissen Grade gelungen.

Aber?

Conze Die Bedingungen waren jetzt ganz andere. Der Erste Weltkrieg als moderner Vernichtungskrieg machte einen Friedensschluss ungleich schwerer. Hinzu kam, dass die Öffentlichkeit auf die Gespräche einwirkte und dass Medien und medialer Druck eine enorme Rolle spielten. Auch die Unterhändler versuchten beispielsweise mit geleakten Informationen den Gang der Dinge in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Was bleibt vom Versailler Vertrag?

ConzeDie Reparationszahlungen wurden 1932 komplett eingestellt, die Weimarer Republik konnte davon leider nicht mehr profitieren. Allerdings hatte Deutschland bis in die jüngste Vergangenheit hinein noch Zinsleistungen aus den Reparationskrediten der 1920er-Jahre zu bedienen. Was Konfliktherde anbelangt, so beschäftigt uns neben den Spannungen im Nahen Osten noch immer das Erbe des jugoslawischen Staates, der 1918/19 gegründet wurde und sich nach 1990 in Krieg und Gewalt auflöste. Daran zeigt sich, dass es sich bei Versailles nicht um ein historisch abgeschlossenes Kapitel handelt, sondern um eine in die Gegenwart hineinragende Vergangenheit.

Bot der Vertrag auch reelle Chancen auf einen anderen Verlauf der Geschichte?

Conze Nichts war 1919 vorherbestimmt. Deutschland blieb eine potenzielle Großmacht trotz der unbestritten harten Bedingungen. Der Vertrag ließ viele Fragen ungeregelt, man konnte mit ihm konfrontativ als auch kooperativ umgehen. Für Ersteres steht die Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen 1923, für Letzteres die deutsch-französische Annäherung Mitte der 20er-Jahre.