Wozu diente Mao Tsetung die Kulturrevolution?

LeeseDie Kulturrevolution diente unterschiedlichen Zielen. Einerseits bestand ein Hauptziel darin, missliebige politische Führer aus der Parteispitze zu entfernen. Andererseits sollten – gestützt auf die entfesselten Massen – alte Kultur zerschlagen und neue Formen politischer Repräsentation erschaffen werden.

Trugen die wild gewordenen Roten Garden die Schuld, oder war es von oben gesteuert?

LeeseBei den Rotgardisten handelte es sich um chinesische Gymnasiasten und Studierende, die von Mao Tsetung persönlich zur Rebellion aufgerufen und zum Einsatz von Gewalt angestachelt wurden. Insbesondere die radikale Linke um (seine Frau) Jiang Qing nahm immer wieder Einfluss auf einzelne Rotgardistenführer. Insgesamt wurden die Rotgardisten in ihrer Bedeutung aber schon bald von Rebellengruppierungen mit einer breiteren sozialen Basis überflügelt.

Wie viele Menschen kamen ums Leben? Wie viele wurden verfolgt?

LeeseNach den verlässlichsten Schätzungen kamen etwa 1,5 bis 1,8 Millionen Menschen ums Leben, mindestens 36 Millionen Menschen wurden politisch verfolgt, Familienmitglieder nicht mit eingerechnet. Der mit Abstand größte Teil der Opfer und Verfolgungen ereignete sich von 1968 bis 1970 – und wurde von Staatsakteuren wie Milizen und Militär begangen, nicht von Rotgardisten.

In den 70er Jahren schienen auch deutsche Intellektuelle begeistert von dem gesellschaftspolitischen Experiment zu sein.Woran lag das? Wussten sie, was wirklich in China vorging?

LeeseDas Wissen über die eigentlichen Vorgänge der Kulturrevolution in China war zunächst extrem begrenzt, da die chinesische Seite keine umfassende Berichterstattung zuließ. Die Begeisterung westlicher Intellektueller war daher eher ästhetischer Natur und basierte auf den Bildern der jugendlichen Protestbewegung und der Mao-Bibel.

Warum ist die Kulturrevolution bis heute ein Tabuthema in China? Was würde passieren, wenn es ehrlich aufgearbeitet würde?

LeeseGänzlich tabuisiert wurde die Kulturrevolution nicht, aber eine öffentliche Debatte war nur in den Grenzen der 1981 publik gemachten Resolution zur Parteigeschichte möglich. Intern wurden viele Vergehen der Kulturrevolution deutlich umfangreicher aufgearbeitet und partiell auch Entschädigungen geleistet. Insgesamt sind aber die Konfliktlinien der damaligen Zeit noch immer virulent, und nicht zuletzt sieht die neue Linke durchaus Anlass, an Maos Warnungen vor einem Wiedererstehen des Kapitalismus in China anzuknüpfen. Durch die gänzliche Politisierung der historischen Epoche ist eine wirkliche wissenschaftliche und gesellschaftliche Beschäftigung mit der Epoche deutlich erschwert worden.