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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Lebensmittel waren nie so sicher wie heute“

15.05.2013
Frage: Herr Professor Hensel, das von Ihnen geleitete Bundesinstitut befasst sich mit Risikobewertungen. Lauern bei uns im Nordwesten eigentlich ungewöhnlich große Risiken im Vergleich zum Rest der Republik?
Hensel: Nun, sicherlich haben Sie es hier im Nordwesten Deutschlands mit anderen Risiken zu tun, wenn wir etwa das Risiko einer Sturmflut an der Küste betrachten, als etwa in Mitteldeutschland oder in Bayern. Dort, wo viele Tiere auf engen Raum gehalten werden wie bei Ihnen, gibt es natürlich auch besondere Risiken, die aus dieser Tierhaltung resultieren. Wenn wir an die Risiken denken, mit denen sich das BfR hauptsächlich beschäftigt, also mit Gesundheitsrisiken, die von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen ausgehen können, dann ist die Risikolage sicherlich im Emsland nicht anders als in Oberjoch, dem höchstgelegenen Ort Deutschlands in den Allgäuer Alpen.
Frage: Insgesamt kann man als Verbraucher angesichts mehrerer Skandale den Eindruck gewinnen, die akuten Risiken für den Menschen durch die Nahrung nähmen ständig zu. Stimmt das?
Hensel: Sie sprechen hier ein zentrales Thema an, mit wir uns als die zentrale wissenschaftliche Institution für Risikobewertung Deutschlands im Bereich Lebensmittel natürlich auch auseinandersetzen. Das ist die unterschiedliche Risikowahrnehmung. Ein Skandal, das heißt ein Verstoß gegen futterrechtliche oder lebensmittelrechtliche Vorschriften, bedeutet noch nicht, dass die davon betroffenen Lebensmittel unsicher, also gesundheitsschädlich wären. Das war in der Vergangenheit bei den sogenannten Dioxinskandalen so, aber auch bei dem Skandal um Futtermais mit hohen Aflatoxingehalten. In beiden Fällen war, das wussten wir, als die ersten Analysedaten vorlagen, eine Gesundheitsgefährdung für Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zu erwarten.
Allerdings haben uns die EHEC Infektionen über Sprossen und die Norovirus-Infektionen bedauerlicherweise gezeigt, dass wir in unserer wissenschaftlichen Einschätzung des Gefahrenpotenzials bei Lebensmitteln richtig liegen.
Frage: Von wo kommt also die größte Gefahr?
Hensel: Von der biologischen Seite, genauer gesagt von mikrobiellen Erregern wie Bakterien oder Viren. Insgesamt aber können wir aus wissenschaftlicher Sicht sagen, dass Lebensmittel in Deutschland noch nie so sicher waren wie heute. Dazu tragen im Übrigen viele bei: die Lebensmittelunternehmer von der Urproduktion bis zum Handel durch ihre Eigenkontrollen, die Überwachungsbehörden der Bundesländer und die anderen Beteiligten des Bundes, zu denen wir als wissenschaftlich unabhängige Einrichtung des öffentlichen Rechts auch gehören.
Frage: Was ist mit den schleichenden Risiken? Sind die Nahrungsmittel beziehungsweise ihre Inhaltsstoffe im Hinblick auf die Gesundheit der Menschen schlechter geworden?
Hensel: Da bekommen Sie von mir als Antwort ein klares Nein. Das gilt sowohl für naturbelassene Lebensmittel als auch für verarbeitete Lebensmittel bis hin zu Convenience Food.
Frage: Die industrialisierte, spezialisierte landwirtschaftliche Produktionsweise, die die Masse der Lebensmittel liefert, ist in die Kritik geraten. Ist sie generell risikoträchtiger für die Gesundheit der Menschen als die traditionelle Betriebsweise mit klassischen Kreisläufen auf den Höfen?
Hensel: Ich glaube nicht, dass die moderne Landwirtschaft mit großen Betriebsstrukturen per se risikoträchtiger hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit ist als die traditionelle Betriebsweise. Nehmen wir etwa das jüngste Beispiel des mit Aflatoxin kontaminierten Futtermaises. Wenn Sie einen feuchten Sommer und Herbst haben, können die Schimmelpilze auch Ihren selbst angebauten Futtermais befallen, und wenn Sie ihn dann auf ihrem Hof traditionell lagern, kann es auch hier zu Problemen kommen. Natürlich birgt die Haltung von lebensmittelliefernden Tieren in großen Beständen auch Probleme, was die Tiergesundheit und damit den Medikamenteneinsatz angeht. Aber diese Probleme wie die Entstehung resistenter Keime sind durch entsprechende Hygienemaßnahmen und einen restriktiven Medikamenteneinsatz in den Ställen durchaus zu beherrschen.
Frage: Zuletzt hat Schimmel in via Brake importiertem Futter viele Verbraucher verunsichert. Wird man das Risikopotenzial durch Importe angesichts der Globalisierung jemals wirkungsvoll eindämmen können?
Hensel: Sie sprechen da eine große Herausforderung, wenn nicht gar die große Herausforderung für die Zukunft, an. Die Globalisierung bringt uns Lebensmittel auf den Tisch, die aus Ländern stammen, in denen es gerade auch im mikrobiellen Bereich Risiken gibt, die bei uns entweder nicht mehr vorhanden sind oder in dieser Form nie vorhanden waren. Ziel muss es daher sein, die Sicherheitsstandards, die wir hier bei uns in Europa über Jahrzehnte entwickelt haben, in geeigneter Weise zu exportieren.
Dazu zählen vor allem die Hygienestandards entlang der gesamten Lebensmittelkette vom Samenkorn bis hin zum Endprodukt, das auf den Markt kommt. Ich nenne das Samenkorn hier ganz bewusst, denn die letzte wirkliche Krise in Deutschland, die EHEC-Infektionen über Bockshornkleesprossen, ist ja mit großer Wahrscheinlichkeit durch Samen ausgelöst worden, die mit einem bei uns nicht vorkommenden Erreger kontaminiert waren.
Frage: Bei welchen Risiken sehen Sie am ehesten Handlungsbedarf für die Politik?
Hensel: Handlungsbedarf besteht nach unserer Auffassung vor allem vor dem Hintergrund der Globalisierung der Warenströme. Für alle am internationalen Warenstrom Beteiligten analoge Sicherheitsstandards für einen fairen Welthandel zu schaffen, die niemanden benachteiligen, das ist eine Herkulesaufgabe für die Politik. Wir beteiligen uns daran etwa durch Kooperationsverträge zum Beispiel mit vergleichbaren Institutionen in China, Korea oder Russland, aber auch in der Türkei oder Island und anderen Ländern. Unsere Summer School, die wir jährlich im August durchführen, dient ebenfalls dazu, auf Augenhöhe mit den Kollegen aus aller Welt Probleme der Lebensmittelsicherheit zu diskutieren und zu lösen. Diese Aktivitäten erfolgen vor der zentralen Aufgabe, durch den Einsatz moderner Technologien bei der Lebensmittelgewinnung, bei Lagerung und Vertrieb die Ernährung der Bevölkerung auf dem ganzen Globus sicherzustellen.
Rüdiger zu Klampen Redaktionsleitung / Wirtschaftsredaktion
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