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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Lob für unterschätzte Sprache

24.12.2014
Frage: Der deutsche EU-Parlamentarier Alexander Graf Lambsdorff (FDP) forderte vor wenigen Tagen die Einführung der Amtssprache Englisch in deutschen Behörden . . .
Krämer: Da bin ich völlig vom Stuhl gefallen! Ein deutscher EU-Abgeordneter fordert das für Deutschland. Da muss man doch Kontra geben! Wir haben es nicht nötig, in eine andere Sprache auszuweichen!
Frage: Unsere Sprache sei viel reicher, als viele heute denken, schreiben Sie im Vorwort des Auswahlbandes „Edelsteine“ – wird die deutsche Sprache unterschätzt?
Krämer: Ja, völlig. Die meisten denken doch, die internationale Hochsprache von Forschung, Politik und Wirtschaft sei das Englische! Dabei ist die Welt über Jahrhunderte gerade im Bereich von Wissenschaft und Wirtschaft durch unsere deutsche Sprache vorangekommen!
Frage: Ein großes Lob für die deutsche Sprache?
Krämer: Das Deutsche glänzt durch Pracht und Vielfalt. Es ist eine wunderbare, kraftvolle Sprache, was man schon an frühen Texten des Mittelalters sehen kann. Das Buch soll uns bewusst machen, dass uns von der Patentanmeldung des ersten Automobils hin zum Humor eines Loriot vieles zur Ehre gereicht.
Frage: Offenbar hatten Sie keinen Mangel an Texten, als sie die „Edelsteine“ der deutschen Sprache für das neue Buch herausgepickt haben?
Krämer: Wir hatten die Qual der Wahl. Und bis in die Gegenwart hinein, bis hin zu unseren jüngeren Dichtern, können wir uns doch auch international sehen lassen.
Frage: Wieso ist auch der Beipackzettel für ein Medikament der Schering AG abgedruckt – wegen der gesellschaftlichen Bedeutung der Antibabypille?
Krämer: Sprachlich ist der Text keine Meisterleistung. Aber die Sache hat ja eine Revolution ausgelöst. Mich fasziniert, dass die Pharmafirma das Wichtige nur als Nebenwirkung angegeben hat. Man umschrieb die Antibabypille als Medikament zur Regulierung der Menstruation. Dezent stand die Hauptsache dann als Nebenwirkung im Text: Das Medikament kann die Schwangerschaft verhüten.
Frage: Auch der „2 + 4 Vertrag“ von 1990 taucht in dem Buch auf.
Krämer: Ja, es ist ein tolles Dokument, das unsere Geschichte beeinflusste.
Frage: Zählt dazu auch die abgedruckte Käseverordnung aus dem Bundesgesetzblatt?
Krämer: Die war unter uns Herausgebern ein Streitpunkt. Das Argument dafür war, dass es sich um das Exempel eines sprachlichen Ausrutschers handelt, um übles Amtsdeutsch.
Frage: Warum wurden ausgerechnet 107 Texte für das Buch ausgewählt?
Krämer: Ursprünglich wollten wir 113 auswählen. Die Zahlen 100 und 99 fanden wir ausgelutscht. Letztlich wurden es eben 107 Texte.
Frage: Welcher Text wäre denn Nr. 108 gewesen?
Krämer: Wahrscheinlich der Abschiedsbrief von Gunter Sachs, den er vor seinem Suizid geschrieben hatte. Mich hat der jedenfalls stark beeindruckt. Vielleicht schafft es der Brief in die nächste Auflage.
Frage: Für wen ist das Buch gedacht?
Krämer: Es kann im Deutschunterricht als Lesebuch verwendet oder in deutschen Botschaften ausgelegt werden, um zu zeigen, dass unsere Sprache prima intakt ist.
Frage: Gibt es für Sie einen Favoriten für den eindrucksvollsten deutschen Satz?
Krämer: Ja! „Halb zog sie ihn, halb sank er hin“ aus der Ballade „Der Fischer“ von Goethe. Ich finde diese Formulierung ungeheuer melodisch.

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