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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Mario Draghi ist kein Übeltäter, sondern ein Arzt

14.09.2018

Frage: Herr Schick, vor genau zehn Jahren begann die Finanzkrise. Seitdem hat die Bankenrettung den deutschen Steuerzahler bereits 59 Milliarden Euro gekostet. Wie konnte es so weit kommen?

Schick: Die Kosten werden sogar noch höher sein. Und das Bild wird noch desaströser, wenn man die ganzen indirekten Kosten der Bankpleiten betrachtet – von Entlassungen bis Nullzinsen. Unsere Banken waren nicht die Opfer der Weltfinanzkrise, sie waren Mit-Verursacher. Der größte politische Fehler war, dass auf die Blase, die sich schon vor 2008 abzeichnete, nicht rechtzeitig reagiert wurde. Da hat die deutsche Bankenaufsicht klar versagt. Und dann hat man versucht, die Krise mit den Bankvorständen zusammen zu lösen, statt wie in den USA den Banken strenge Vorgaben zu machen.

Frage: Dort ließ man vor zehn Jahren die Bank Lehman Brothers pleitegehen. Wie sehr hat das die Krise verschärft?

Schick: Die Finanzmarktakteure haben jahrelang darauf vertraut, dass große Institute gerettet werden. Deswegen waren alle völlig schockiert und begannen, überall ihr Geld zurückzuziehen. Aber das Schlimmste an der Krise war nicht die Lehman-Pleite. Anders als in den USA hat man in Europa keine Bank pleitegehen lassen. Die Bankschulden wurden im Wesentlichen auf den Staat übertragen. Das hat dann die Staatsschuldenkrise mit ausgelöst. Wichtiger wäre gewesen, die Banken zu stabilisieren, dann kontrolliert abzuwickeln und die Gläubiger zu beteiligen. Dafür war das Instrumentarium in Europa nicht da.

Frage: Meinen Sie mehr Zusammenarbeit? Hätte das die Krise verhindern können?

Schick: Ja. Die Ablehnung einer gemeinsamen europäischen Bankenrettung war der zentrale Fehler der Wirtschafts- und Finanzpolitik von Angela Merkel. Die Eurokrise hätte es in dieser Form nachher nicht gegeben, wenn man die Bankenkrise gemeinsam angegangen wäre. Ausgangspunkt war die deutsche Hybris, zu meinen, unsere Banken seien stabiler als die anderen. Das stimmte einfach nicht. Wir gehören zu den drei EU-Ländern, die am meisten für die Bankenrettung ausgeben mussten. Bei der Diskussion um die europäische Einlagensicherung heißt es wieder, „unsere“ Banken sollen die anderen retten. Dabei sind in Deutschland die Banken wie die Fliegen umgefallen.

Frage: Was genau hätte anders laufen sollen?

Schick: Die EU hat den damaligen Finanzminister Peer Steinbrück gezwungen, bei der Commerzbank-Rettung auch Gläubiger einzubeziehen, statt sie zu schonen. Brüssel hat also den deutschen Steuerzahler vor seinem eigenen Finanzminister gerettet. Wenn man das für die gesamte Bankenkrise in Europa sieht: Mit einem gemeinsamen europäischen Mechanismus hätte man die Gläubiger viel wirksamer von Anfang an beteiligen können.

Frage: Die EZB hat entschieden, die Leitzinsen bei null Prozent zu lassen. Machen diese Rekord-Niedrigzinsen nicht alles noch viel schlimmer?

Schick: Die Auswirkungen dieser Niedrigzinspolitik sollte man nüchtern betrachten: EZB-Präsident Mario Draghi ist kein Übeltäter, sondern ein Arzt. Er hat dem Patienten auf der Intensivstation eine historisch einmalige Medizin gegeben, wissend, dass sie massive Nebenwirkungen hat. Das ist es, was die AfD und CSU nicht verstehen, wenn sie gegen Mario Draghi schimpfen. Wenn man das tun würde, was die Populisten fordern, dann wäre der Verlust für die deutschen Sparer gigantisch.

Gerhard Schick (46) ist Finanzexperte der Grünen. Zum Jahreswechsel gründet er die überparteiliche „Bürgerbewegung Finanzwende“ und verlässt dafür den Bundestag.
Petra Sorge Korrespondentenbüro Berlin
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