Herr Lies, deutsche Reeder beklagen einen anhaltender Kostendruck und immer neue Belastungen für die deutsche Schifffahrt. Wie sehen Sie die Lage?

LiesDie deutsche Seeschifffahrt ist in einer fast schon dramatischen Situation – im leider schon siebten Jahr der internationalen Krise. Die Seeschifffahrt hat sich von den Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise noch immer nicht erholt. Die Folgen sind an Zahlen abzulesen: 2008 sind noch 645 Schiffe unter deutscher Flagge gefahren. Dann gab es Jahr für Jahr weitere Ausflaggungen, und 2014 waren es noch 368 Schiffe. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht. Und kaum Schiffe unter deutscher Flagge bedeutet: Kaum noch deutsche Seeleute. Und damit auch weniger Bedarf für ausgebildete Nautiker oder auch Schiffsmechaniker. Wenn wir also die maritime und nautische Kompetenz in Deutschland erhalten wollen, wenn wir buchstäblich das Ruder herumreißen wollen, müssen wir deutlich mehr tun als bisher.

Wie kann Politik den deutschen Reedern helfen?

LiesDie deutschen Reeder stehen in einem internationalen Wettbewerb bei extrem unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Niedersachsen plädiert deshalb für einen Lohnsteuereinbehalt von 100 Prozent. Reeder müssten also für ihre deutschen Seeleute keine Lohnsteuer mehr abführen, dass würde die Wettbewerbsnachteile wenigstens teilweise ausgleichen. Eine Bundesratsinitiative mehrerer norddeutscher Länder ist in Vorbereitung, ich selbst werde jetzt in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel auf die Problematik hinweisen und um Unterstützung bitten.

Aber so könnten andere Branchen auch klagen...

Lies Die Seeschifffahrt ist nun einmal international. Und sie steht in einem weltweiten, knallharten Wettbewerb. Wir verlieren den ganzen Wirtschaftszweig, wenn wir nichts machen. Und ein Wirtschaftszweig, der verschwindet, bringt überhaupt keine Steuern mehr. Das schadet übrigens allen Ländern gleichermaßen, auch den südlichen Ländern. Wir müssen also alle ein gemeinsames Interesse haben, den Schifffahrtsstandort und die maritime Wirtschaft insgesamt zu stärken.

Wie groß ist die Branche in Niedersachsen?

LiesIn Niedersachsen gibt es zurzeit noch 150 Reedereien mit 20 000 Beschäftigten an Land und an Bord. Die Bedeutung ist also sehr groß und wir sollten uns anstrengen, dass das so bleibt.

Olaf Lies (47) ist seit 2013 niedersächsischer Landesminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr im Kabinett von Stephan Weil (SPD) sowie seit Januar 2012 stellvertretender Landesvorsitzender der SPD in Niedersachsen.