Herr Lambsdorff, der 1987 besiegelte INF-Vertrag zwischen den USA und Russland zum Verbot nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa ist ausgelaufen. Droht dem Kontinent eine atomare Rüstungsspirale?

LambsdorffDie Bundesregierung muss zusammen mit unseren EU- und Nato-Partnern umgehend mit Russland reden und Möglichkeiten für neue Rüstungskontrollabkommen ausloten. Denkbar wäre beispielsweise ein Abkommen über ein Verbot der nuklearen Bewaffnung von landgestützten Mittelstreckenraketen und Drohnen jedweder Reichweite. Hier bietet sich auch die Chance, China und weitere Staaten in die Beratungen einzubeziehen. Auch müssen wir schnellstmöglich mit Russland über ein Stationierungsverbot in einer bestimmten Entfernung von europäischen Zielen sprechen. Erstes Ziel der EU ist es, dass keine Mittelstreckenraketen westlich des Ural stationiert werden. Europa muss außerhalb der Reichweite russischer Raketen liegen.

In zwei Jahren droht der nächste ernüchternde Schritt. Dann läuft der New-START-Vertrag zu Begrenzung atomarer Interkontinentalraketen aus.

Lambsdorff Die USA und Russland müssen schnell Gespräche über eine Verlängerung des New-START-Vertrags aufnehmen. Hierfür muss sich Deutschland gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien und den anderen EU- und Nato-Partnern mit Nachdruck einsetzen. Allerdings stehen die Zeichen momentan nicht günstig für eine Verlängerung. Insbesondere Donald Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, der schon immer gegen Rüstungskontrollabkommen war, arbeitet hinter den Kulissen dagegen. Auch steht zu befürchten, dass diese Frage ein Streitpunkt im kommenden US-Wahlkampf wird. Die Demokraten haben sich schon jetzt für eine Verlängerung ausgesprochen. Da besteht die Gefahr, dass Trump sich in diesem Punkt klar abgrenzen will. Deshalb ist es so wichtig, dass die deutsche Diplomatie bereits jetzt aktiv wird.

Droht mit der Debatte über eine angemessene Antwort auf den INF-Vertrag die nächste Belastungsprobe für das Verhältnis?

LambsdorffNein, die Gefahr sehe ich derzeit nicht, zumal die Verletzung des INF-Vertrages von Russland ausging.