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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Interview: „Nicht jammern, sondern handeln“

20.04.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-04-21T11:39:02Z 280 158

Interview:
„Nicht jammern, sondern handeln“

Frage: Frau Kemfert, der Strompreis steigt und steigt. Wo liegen die Ursachen dafür, dass die Verbraucher immer tiefer in die Tasche greifen müssen?

Deutsche Wirtschaftswissenschaftlerin

Claudia Kemfert (48), die in Oldenburg studiert hat, leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Institut für Wirtschaftsforschung und lehrt Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.

Kemfert: Jedenfalls liegt das nicht an den erneuerbaren Energien. Das ist ein Mythos, der allzu gern von Gegnern der Energiewende verbreitet wird. In Wahrheit sinken nämlich die Kosten erneuerbarer Energien kontinuierlich. Diese Kostensenkungen kommen nur nicht beim Verbraucher an. Schuld daran sind Wirtschaft und Politik, die viel zu lange am früheren Energiesystem festhalten. Kohlestrom verursacht Umwelt- und Klimaschäden, die Atomenergie gigantische Kosten für Rückbau der Kraftwerke und Lagerung des Atommülls. Dieser Kosten-Tsunami wird heimlich von den Stromkunden bezahlt und der Energiewende untergeschoben. Auf diese Weise machen die Konzerne der fossilen Welt weiterhin Gewinne mit konventioneller Energie. Zulasten der Stromkunden.

Frage: Die Chefs der Energiekonzerne, aber auch Wirtschaftspolitiker der Union fordern Korrekturen. Läuft die Energiewende aus dem Ruder?

Kemfert: Die wahre Kostenexplosion kommt nicht von der Energiewende, sondern von der Nicht-Energiewende! Wir haben noch immer viele Atom- und Kohlekraftwerke am Netz, die wir eigentlich gar nicht mehr brauchen. Das führt zu einem Überschuss im Stromangebot, was die Strompreise an der Börse sinken lässt, weswegen im selben Maß die EEG-Umlage steigt. Das müsste eigentlich zu stabilen Strompreisen für die Endverbraucher führen. Das Problem: Die Energiekonzerne geben die sinkenden Börsenpreise nicht an die Endkunden weiter; stattdessen schlagen sie sogar noch Forderungen oben drauf. So müssen die Verbraucher auch noch einen überdimensionierten Netzausbau für überflüssige Atomkraftwerke und inzwischen sogar „Abwrackprämien“ für alte Kohlekraftwerke bezahlen.

Frage: Ist es nicht Zeit, die Stromsteuer zu senken?

Kemfert: Es ist Zeit, sich endlich von alten Kohlekraftwerken zu verabschieden und den überdimensionierten Netzausbau samt Traumrenditen für Betreiber abzuschaffen. Würde man keine Abwrackprämie für alte Kohlekraftwerke finanzieren, würde der Strompreis schnell sinken.

Frage: Was können die Stromverbraucher tun, damit ihre Kosten nicht weiter nach oben gehen?

Kemfert: Vor allem nicht jammern, sondern handeln. Wer vergleicht, findet schnell günstigere Angebote. Oftmals bieten reine Ökostrom-Anbieter gute Preise und machen auch transparent, wie sich der Strompreis zusammensetzt. Und manchmal ist es ganz einfach: Wer Strom spart, spart Geld.

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