Herr Wandelt, wie sehen die Berufschancen für deutsche Seeleute aus?

WandeltAugenblicklich ist die Situation schwierig. Wir haben seit etwa sieben Jahren eine Schifffahrtskrise. Die Reeder stehen unter finanziellem Druck. Nicht mehr alle unserer Absolventen finden einen Arbeitsplatz an Bord – und wenn, dann teilweise nur befristet und schlechter bezahlt. Das war in unserer Branche früher nicht üblich.

Welche Probleme sehen Sie dadurch in Zukunft?

WandeltEs geht nautische Kompetenz verloren. Diese ist auch an Land gefragt, zum Beispiel in den Häfen oder den Schiffsverwaltungen. Dort gibt es ausreichend Arbeitsplätze. Das Problem ist, dass die jungen Leute keine Praxiserfahrungen mehr an Bord sammeln können. Wir mussten die Zahl unserer Studienanfänger auf 45 im Jahr halbieren, weil nicht mehr genug Plätze für die zwei Praxissemester gefunden werden konnten. Künftig drohen Nachwuchsprobleme.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

WandeltIm Moment ist im Gespräch, dass die Reeder die Lohnsteuer der deutschen Seeleute künftig komplett einbehalten dürfen. Meiner Meinung nach ist das für eine Übergangszeit gerechtfertigt, muss aber an Bedingungen geknüpft werden. Eine davon wäre, dass die Reeder in die Ausbildung junger Seeleute investieren.

Wie könnte sich die Situation der deutschen Seeleute langfristig verbessern?

WandeltGegen die niedrigen Lebenshaltungskosten in Fernost und anderen Ländern können wir natürlich nicht konkurrieren. Wir können nur darauf hoffen, dass sich die konjunkturelle Lage verbessert, so dass wieder mehr Schiffe Güter transportieren und mehr Seeleute gebraucht werden. Politische Instrumente sind immer nur begrenzt wirksam und können dem Steuerzahler auch nicht auf Dauer zugemutet werden.

Ralf Wandelt ist seit 1. März Dekan des Fachbereichs Seefahrt an der Jadehochschule in Wilhelmshaven. Der 58-Jährige hat Nautik und später Physik studiert. An der Jade Hochschule ist er Professor für Physik und Schiffstheorie.