Jeder siebte Deutsche kann von einem Urlaub nur träumen, weil es an Geld fehlt. Wie bewerten Sie die jüngsten Daten des Europäischen Statistikamtes?
ZimmermannIn erster Linie haben diese Daten etwas mit dem riesigen Niedriglohnsektor in Deutschland zu tun. Geringer Lohn ist ein ganz entscheidendes Armutsrisiko, das sich übrigens auch in der Erwerbslosigkeit und in der Rente fortsetzt. Wer kein Geld hat, kann auch nicht in den Urlaub fahren. Deshalb sind die Daten ein Beleg für Armut in unserem reichen Land. In Europa und zumal in einem reichen Land wie Deutschland muss man an Armut andere Maßstäbe anlegen als in Entwicklungsländern. Es muss ja nicht immer eine Auslandsreise sein, aber überhaupt in Urlaub zu fahren, das ist in Deutschland heute für die meisten Menschen selbstverständlich. Und genau darum geht es bei Armut: sich etwas Selbstverständliches nicht leisten zu können. Das darf in einem reichen Land nicht sein.
Insgesamt ist der Anteil der Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können, aber zurückgegangen…
ZimmermannDas ist natürlich prinzipiell erfreulich. Man darf aber diese Entwicklung nicht überbewerten. Inzwischen ist unübersehbar, dass ein konjunktureller Einbruch bevorsteht. Das trifft zuerst die Menschen, die sowieso schon wenig haben: die Geringverdienenden, die befristet Beschäftigten, die Leiharbeiter Minijobber. Sie werden mit Einkommenseinbußen zu kämpfen haben oder gleich ganz ihren Job verlieren. Da müsste die Bundesregierung jetzt gegensteuern, mit einer aktiven Politik für höhere Löhne, mit einer Stärkung der Arbeitslosenversicherung, mit einer Verbesserung von Sozialleistungen. Stattdessen bleibt sie untätig.
Müsste das Urlaubsgeld künftig nicht wieder die Regel und nicht nur die Ausnahme werden?
ZimmermannDas Kernproblem in Deutschland sind derzeit die Löhne. Jahrzehntelang hat sich nichts bewegt, nun geht es zwar leicht nach oben, aber längst nicht genug. Am Niedriglohnbereich tut sich so gut wie gar nichts. Im Gegenteil: Die Tarifbindung schwindet, und gute Tarifverträge sind nun einmal das A und O für gute Löhne. Auch das Urlaubsgeld ist ja kein großzügiges Geschenk des Arbeitgebers, sondern ist wie das Weihnachtsgeld ein Bestandteil des Lohnes, gezahlt zu einem Zeitpunkt, zu dem typischerweise hohe Ausgaben anfallen. Das ist vor allem für Geringverdienende wichtig. Wer nichts ansparen kann, kann auch nur schwer einen Urlaub finanzieren.
