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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

„Wir sind besser, als es zuletzt aussah“

19.10.2017
Frage: Die Enthüllungen um die Klitschko-Spende und die Entlassung von Vorstandschef Matthias Brückmann haben die EWE Anfang des Jahres in die größte Krise ihrer Geschichte gestürzt. Wie viel Krise ist davon jetzt, neun Monate später, noch übrig?
Heidkamp: Es ging ja um verschiedene Vorwürfe. Der Fall Brückmann ist nicht abgeschlossen, hier befinden wir uns in einem Rechtsstreit. Wir müssen abwarten, wie das ausgeht. Zudem gab es diverse Korruptionsvorwürfe und teils sehr fragwürdige Anschuldigungen gegen Mitarbeiter; die sind extern geprüft worden und restlos ausgeräumt. Gleichwohl ist aber festgestellt worden, dass unser internes Kontrollsystem noch verbessert werden kann. Daran arbeiten wir nun.
Frage: Es gab auch Vorwürfe gegen Sie persönlich: Sie haben die zweite Unterschrift unter der umstrittenen Zahlungsanweisung für die Klitschko-Stiftung geleistet, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Herrn Brückmann und gegen Sie wegen des Verdachts der Untreue. Wie ist da der Stand der Dinge?
Heidkamp: Das Verfahren läuft aktuell noch. Ich habe noch nichts Weiteres gehört.
Frage: Hat das interne Kontrollsystem in Ihrem Fall versagt?
Heidkamp: Die Klitschko-Spende ist ein typisches Beispiel dafür, dass kein internes Kontrollsystem perfekt sein kann, weil stets der Faktor Mensch eine Rolle spielt. Wir haben das Vier-Augen-Prinzip, das durch meine Unterschrift beachtet wurde. Dabei habe ich mich maßgeblich auf das verlassen, was mein Kollege sagte. Daran erkennt man: Wir haben das System der zwei Unterschriften, das ist ein internes Kontrollsystem – aber das schwächste Glied in diesem System ist der Mensch.
Frage: War es Ihr Fehler, dass Sie einem Kollegen vertraut haben?
Heidkamp: Ich habe darauf vertraut, dass das, was man mir sagt, der Wahrheit entspricht.
Frage: Aber ohne Vertrauen geht es doch nicht in einem Unternehmen ...

EWE erhält „halbe“ Spende zurück

253 000 Euro – so viel Geld hatte der damalige EWE-Chef Matthias Brückmann eigenmächtig an die Klitschko-Foundation gespendet und damit die EWE-Krise ausgelöst. Inzwischen hat die Maecenata-Stiftung, ein Dienstleister der ukrainischen Klitschko-Foundation, die Hälfte der Summe an EWE zurücküberwiesen. Das bestätigte die EWE auf Nachfrage der NWZ.

Maecenata hatte ursprünglich angeboten, die komplette Summe zurückzuzahlen. Das wollte aber die Klitschko-Foundation nicht, die die Freiwilligkeit der Spende betonte. Am Ende stand ein Kompromiss: die Hälfte.

Den Rest der Summe will EWE nun von Matthias Brückmann zurückfordern.

nwzonline.de/ewe-abgehoben

Heidkamp: ... ja, das habe ich auch hier den Mitarbeitern gesagt: Wenn wir jetzt in einen Zustand kommen, in dem niemand mehr dem anderen vertraut, wenn wir nur noch leben von Kontrollen und davon, dass unter jedem Zettel die richtigen acht Unterschriften stehen, dann werden Sie nicht mehr arbeiten können. Sie werden langsam, die Mitarbeiter werden entmündigt, niemand wird mehr eigenständig eine Entscheidung treffen. Am Ende unterschreibe ich als Vorstand, ob Toilettenpapier bestellt werden darf oder Druckerpatronen. In so einem Unternehmen möchte niemand arbeiten. Mitarbeiter müssen angemessene Spielräume bekommen, Entscheidungen zu treffen.
Frage: Wenn nicht Kontrolle die Lösung ist – welche Lehren konnten Sie dann aus der Krise ziehen?
Heidkamp: Wir haben daraus eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass Compliance bei uns anders ins Bewusstsein muss...
Frage: ... Stopp, können Sie das bitte für uns übersetzen: „Compliance“?
Heidkamp: Ich übersetze das frei für mich so: Compliance bedeutet die Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung.
Frage: Und was bedeutet das wiederum konkret?
Heidkamp: Compliance ist eine Einstellungsfrage. Das bedeutet, man sollte immer im Bewusstsein haben, dass man diese Regeln einzuhalten hat. Dass es eben kein lästiges Übel ist, sich die Frage zu stellen: Darf ich diese Einladung oder jenes Geschenk annehmen? Und dass es in Ordnung ist, den Compliance-Officer zu fragen, wenn man sich da unsicher ist.
Frage: „Compliance-Officer“ – ist das ein neuer Job bei der EWE?
Heidkamp: Nein, den gab es vorher auch schon. Aber auch das haben wir aus der Krise gelernt: dass wir der Compliance einen anderen Stellenwert geben müssen. Der Bereich „Compliance“ ist jetzt eine eigene Stabsstelle, die direkt an den Vorstand berichtet. Das Team um unseren Compliance-Mann wird nun weiter verstärkt, auf Vollzeitbasis. Vereinfacht gesagt: Wir werden dem Thema Compliance viel mehr Ressourcen widmen als in der Vergangenheit. Ziel ist es, dass Compliance irgendwann ganz selbstverständlich ist und jeder weiß, wie er sich richtig verhält, wenn ihm jemand einen Füller schenken will für 3,95 Euro oder für 150 Euro.
Frage: Und wie verhalte ich mich richtig? Ist die Füller-Frage irgendwo beantwortet?
Heidkamp: Es gibt ein Regelwerk zu allen möglichen Compliance-relevanten Themen wie Einladungen oder Geschenken. Wir sind dabei, alle Mitarbeiter über ein E-Learning-Programm darin zu schulen, bis Ende des Jahres wollen wir damit durch sein. Am Ende müssen die Mitarbeiter einen Abschlusstest machen.
Frage: Was müssen die Mitarbeiter dafür wissen?
Heidkamp: Es geht um ganz konkrete Fälle. Darf ich die Einladung zum Abendessen annehmen? Kann ich einen wichtigen Kunden mitnehmen zu einem Spiel der EWE Baskets? Auf die Tribüne? Oder vielleicht sogar in die VIP-Lounge? Bis zu welcher Summe darf ich Kunden zu einem Geschäftsessen einladen? Wir haben da ganz konkrete Preisgrenzen und Hierarchiestufen. Im Kern geht es darum, dass die Mitarbeiter ein Gefühl dafür entwickeln, was geht und was nicht geht.
Frage: Haben Sie keine Angst, dass so ein Regelwerk die Mitarbeiter lähmt?
Heidkamp: Das darf natürlich nicht passieren. Uns geht es ja darum, die Leute wieder dahin zu bringen, dass sie Entscheidungen treffen. Wir müssen deutlich machen: Es geht nicht um Pauschalverurteilungen – ihr müsst jetzt nicht nachweisen, dass ihr nicht korrupt seid! Es ging ja um Einzelfälle in der Vergangenheit, die große Masse an Mitarbeitern hat immer vernünftig gearbeitet.
Frage: Es gab sogar, wie im Fall Klitschko, Warnhinweise von Mitarbeitern: „Das verstößt gegen unsere Compliance-Regeln“. Die Einzelfälle, hier waren es Führungskräfte, haben sich über diese Warnungen hinweggesetzt.
Heidkamp: Deshalb hängen wir das Thema Compliance auch hierarchieunabhängig auf. Der Compliance-Officer berichtet dem Vorstand – aber er ist nicht weisungsabhängig. Wir vom Vorstand waren auch die ersten, die das E-Learning-Programm absolviert haben. Weil wir gesagt haben: Wir wollen das vorleben, wir fangen an. Ihr seid ja nicht schuld, ihr habt keine Fehler gemacht.
Frage: Mussten Sie auch den Abschlusstest machen?
Heidkamp: Ja klar, und ich habe auch bestanden. Es gibt übrigens noch einen zweiten schwierigen Punkt bei dem Thema: Sagen Sie mal jemandem, dass Sie seine Einladung ablehnen! Sie glauben gar nicht, wie lange wir gebraucht haben, die Briefe zu formulieren, wenn ich eine Kiste Wein geschenkt bekomme und die dann zurückschicke. Ich muss erklären, dass das nicht zu unserer Unternehmenskultur passt, ohne dass sich der Absender beleidigt fühlt.
Frage: In den vergangenen Monaten ist viel Kritik auf die EWE eingeprasselt. Was glauben Sie: Wann wird sich das Verhältnis der Kunden zur EWE wieder normalisiert haben?
Heidkamp: Sie können nicht einfach nach außen sagen, alles ist wieder gut. Das glaubt Ihnen ja keiner. Wir müssen jetzt wieder unseren Job machen beim Kunden und unsere Produkte in den Mittelpunkt stellen. Am Ende interessiert die Kunden doch am meisten, ob sie, wenn sie eine Störung haben, erst zwei Stunden in einer Warteschleife hängen. Wir müssen uns nicht verstecken: Wir sind besser als das, wonach es zuletzt aussah!

Abgehoben: Großer Report zur EWE-Krise

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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EWE | Staatsanwaltschaft

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