Herr Professor Bormuth, Sie vergleichen Karl Jaspers, Rudolf Bultmann und Peter Suhrkamp. Sind die drei Oldenburger Köpfe durch ihre Herkunft geprägt?

Matthias BormuthKarl Jaspers und Rudolf Bultmann entstammen der gebildeten Schicht Oldenburgs, während Peter Suhrkamp bescheidener bäuerlicher Herkunft war. Erst über das Oldenburger Lehrerseminar ertrotzte sich der spätere Begründer des Suhrkamp Verlags den Zugang zur höheren Bildungswelt. Für Jaspers und Bultmann war der akademische Weg selbstverständlich. Sie zählten in Marburg und Heidelberg zu den bedeutendsten Gelehrten in ihren Fächern und schrieben in Psychiatrie, Philosophie und Theologie zudem über Wissenschaftsgeschichte, während Suhrkamp heute eine internationale Ikone der Buchwelt darstellt.

Der Nationalsozialismus war eine Zäsur in der deutschen Geschichte, die Nachkriegszeit sollte eine Wende bringen. Wie haben der Philosoph, der Theologe und der Verleger reagiert?

BormuthDie drei Oldenburger zählten zu den wichtigsten Köpfen der sogenannten „Inneren Emigration“. Sie verbanden mit ihren Werken in Zeiten der Verfolgung Autor und Publikum auf eine Weise, die Thomas Manns polemischem Diktum widerspricht, dass allen „Bücher(n), die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt wurden, (...) ein Geruch von Blut und Schande“ anhafte. Alle drei gehörten 1945 zu den wenigen Intellektuellen, denen die Alliierten sofort publizistisch die Wege ebneten. Jaspers begründete die Zeitschrift „Die Wandlung“, Bultmann war einer ihrer frühen Autoren und Suhrkamp erhielt die erste Verlagslizenz in Berlin.

Was können wir in unseren Problemen von den Oldenburger Köpfen lernen?

Bormuth In der Moderne gibt es keine generelle Norm, die eine Lösung des Konflikts erlaubte. Deshalb ist für alle drei die Idee einer Freiheit leitend, die den einzelnen Menschen als verantwortliches Glied einer Weltgesellschaft betrachtet und seine Wertbildung nicht äußerlich festschreibt. Jaspers, Bultmann und Suhrkamp knüpften an die universale Perspektive als entscheidende Vordenker der selbstkritischen Moderne an.

Matthias Bormuth (48) hat die Heißenberg-Stiftungsprofessur für vergleichende Ideengeschichte an der Uni Oldenburg. Am 23. Januar spricht er ab 20 Uhr im Schlosssaal über „Kritisches Denken zwischen Tradition und Moderne – Karl Jaspers im Vergleich mit Rudolf Bultmann und Peter Suhrkamp“.