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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Oldenburger Sportsoziologe: „Olympische Spiele sind nicht mehr zeitgemäß“

21.02.2018

Frage: Herr Alkemeyer, welche Bedeutung haben Olympische Spiele heutzutage noch?

Thomas Alkemeyer: Das gesellschaftliche Interesse an Olympischen Spielen ist in den vergangenen Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, zumindest in Europa deutlich zurückgegangen – bei Winterspielen vermutlich noch mehr als bei Sommerspielen.

Professor an der Uni Oldenburg

Thomas Alkemeyer (62) studierte Germanistik, Sportwissenschaft, Philosophie und Erziehungswissenschaft in Berlin. Seit 2001 ist er Professor für Sport und Gesellschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Außerdem ist er seit 2012 Professor für Soziologie und Sportsoziologie.

Frage: Warum ist das so?

Alkemeyer: Das liegt zum einen an der ungelösten und offenbar nicht zu lösenden Doping-Problematik. Die Zuschauer können nicht auf das vertrauen, was sie gegenwärtig sehen. Niemand weiß, wie lange die aktuellen Siegerlisten überhaupt gültig sind. Zum anderen fühlt sich ein wachsender Teil des Publikums abgestoßen von der auf Wachstum, ökonomischen Gewinn und Selbsterhaltung zielenden Politik des IOC. Komplementär zum abnehmenden gesellschaftlichen Interesse an Olympischen Spielen verhalten sich die symbolpolitischen Anstrengungen des IOC. Aktuelles Beispiel ist das gemeinsame Eishockey-Frauenteam von Nord- und Südkorea. Nachhaltige Auswirkungen auf die reale Politik wird das meiner Einschätzung nach nicht haben.

Frage: Was muss passieren, um die Olympischen Spiele wieder attraktiver zu machen?

Alkemeyer: Die Spiele sind in ihrer aktuellen Form nicht mehr zeitgemäß. Ein grundlegender Neuanfang wäre nötig – mit einer demokratisch legitimierten Organisation, ohne Gigantismus, kommerzielles Primärinteresse und schonungslosen Kampf um Medaillen. Ansonsten werden sich noch mehr Menschen abwenden. Wünschenswert, aber utopisch wäre zum Beispiel ein konzertierter Ausstieg europäischer Sportnationen aus der Förderung des Spitzensports unter seinen gegenwärtigen Bedingungen. Womöglich löst sich das Problem aber auch dadurch, dass in absehbarer Zeit kaum mehr jemand zuschaut. Gerade für die Olympischen Winterspiele halte ich das für durchaus möglich.

Frage: Welche Rolle spielt das Abschneiden der Nationen im Medaillenspiegel?

Alkemeyer: Für den Moment mag der Medaillenspiegel aufgrund des bislang guten Abschneidens des deutschen Teams und entsprechender Medienberichterstattung hierzulande durchaus einige Aufmerksamkeit erzeugen. Dauerhaft wird aber auch dies den Grad der Zustimmung zu Olympischen Spielen nicht verbessern.

Frage: Deutschlands Skirennläufer Linus Straßer hat zur Bedeutung von olympischen Medaillen gesagt „In erster Linie sind wir für uns hier“. Ist das die richtige Einstellung für Olympia?

Alkemeyer: Bei dieser Aussage wird deutlich, wie stark sich die Perspektive der Sportler und die der Verbände unterscheiden. Viele Sportlerinnen und Sportler begreifen sich heute eher als Individuen denn als nationale Repräsentanten. Die Verbände und die Politik haben jedoch die Erwartung, dass Medaillen für das Land errungen werden oder eine Symbolfunktion übernommen wird. Auch für dieses Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen ist das koreanische Eishockey-Frauenteam ein gutes Beispiel: Die Südkoreanerinnen werden sich kaum gefreut haben, als ihnen aus symbolpolitischen Erwägungen heraus einige Nordkoreanerinnen zugeteilt wurden. Gerade im Eishockey müssen Abläufe automatisiert sein, sodass ein rasch zusammengewürfeltes Team sportlich chancenlos ist. Das Interesse von IOC und politischen Führern wird aber über die Interessen der Sportlerinnen gestellt.

Frage: Wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft ein EM-Vorrundenspiel gewinnt, feiern die Menschen ausgelassen. Wenn die deutschen Olympioniken Goldmedaillen gewinnen, wird das lediglich zur Kenntnis genommen. Woran liegt das?

Alkemeyer: Fußball hat bei uns einen Status und eine massenmedial gestützte Popularität wie keine andere Sportart. Generell können sich Menschen mehr mit einer Sportart identifizieren, die ihnen vertraut ist und die sie eventuell selbst betreiben oder betrieben haben. Dass jemand eine Wintersportart wie Skispringen, Biathlon oder Rodeln ausübt, kommt in unseren Breitengraden vergleichsweise selten vor. Es ist schon von daher nicht verwunderlich, dass die Resonanz auf den Wintersport gerade hier im Nordwesten spürbar geringer ist als auf den Fußball.

Frage: Können die aktuellen Erfolge der deutschen Sportler dafür sorgen, das Ansehen der Olympischen Spiele in Deutschland aufzuwerten?

Alkemeyer: Das sehe ich nicht. Auch wenn die Erfolge in den Medien ständig thematisiert werden – es handelt sich um ein vorübergehendes Phänomen. Schon in ein, zwei Jahren werden sich nicht mehr besonders viele Menschen an die Namen der Olympiasiegerinnen und -sieger erinnern. An einer zunehmend kritischen Einstellung gegenüber den Olympischen Spielen werden diese Erfolge nichts Grundlegendes ändern – für eine wachsende Zahl an Menschen gibt es wichtigere und schönere Dinge als dieses Spektakel.

Gloria Balthazaar Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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