Herr Professor Duttge, was halten Sie von der Entscheidung in den Niederlanden, dass dort künftig jede volljährige Person automatisch als Organspender erfasst wird – es sei denn, sie widerspricht ausdrücklich?
DuttgeDie Nachricht hat mich überrascht. Die Niederlande sind sonst ein sehr liberales Land. Bei der Sterbehilfe und der Drogenpolitik ist dort alles auf Selbstbestimmung ausgerichtet.
Wäre diese sogenannte Widerspruchslösung auch in Deutschland denkbar?
DuttgeRein rechtstechnisch wäre das natürlich machbar. Der Bundestag müsste dann das Transplantationsgesetz ändern. Gesellschaftspolitisch wäre das aber außerordentlich unklug, wenn man sagt: „Ihr seid misstrauisch, künftig werden wir euch einfach nicht mehr fragen.“ Das wäre ein Eigentor. So gewinnt man kein Vertrauen. Ich bin auch immer skeptisch beim Vergleich mit anderen Ländern. Auf Zypern und in Bulgarien gibt es auch die Widerspruchslösung, und da sind die Spenderzahlen sehr niedrig. Spanien hat zwar die meisten Spender in Europa, da hat Organspende in den Familien aber auch eine andere Ausprägung von Solidarität.
Was wären denn aus Ihrer Sicht sinnvolle Alternativen, um wieder mehr Organspender in Deutschland zu gewinnen?
DuttgeDas Problem des Organmangels müsste im alltäglichen Leben der Menschen sichtbar werden, so wie etwa Fernsehlotterien für einen guten Zweck Menschen für die Not in der Welt sensibilisieren. Im Einzelnen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, um Anstöße zum Nachdenken zu geben. Die Bevölkerung muss dringend aufgeklärt werden. Zu selten informieren sich Menschen aus eigenem Antrieb über Themen wie Hirntoddiagnostik, Intensivmedizin am Lebensende und die Frage nach der Verteilung von Organen. Man könnte in der Tageszeitung eine Rubrik einführen „Organspender des Monats“. Das was zum Beispiel die Deutsche Stiftung Organspende jetzt tut, verstehen Menschen eher als nachholende Imagekampagne, als Marketing. Das reicht nicht. Wir müssen proaktiv auf die Menschen zugehen, nicht nur eine Hotline anbieten. Warum thematisieren wir Organspende nicht in der Fahrschule? Wir sollten die Fahrschüler fragen, was mit ihren Organen nach einem Unfall passieren soll. Klingt prekär, aber wir sollten sie zumindest darüber informieren. Das sorgt ja auch für ein positives Image der Fahrschule. Oder an Schulen gehen, Jugendliche ansprechen. Wir müssen da hingehen, wo Menschen zusammenkommen.
