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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Was der Wiesenhof-Chef von Pflanzenburgern und Co. hält

11.09.2018
Frage: PHW hat Anfang des Jahres in „SuperMeat“ investiert. Das Start-up aus Israel will Fleisch zukünftig nicht im Stall, sondern in einer Nährlösung im Labor heranwachsen lassen. Werden wir bald Fleisch aus dem Labor essen?
Wesjohann: Das kann ich Ihnen zuverlässig heute noch gar nicht beantworten. Wenn Sie auf unsere Unternehmenshistorie schauen, sind wir schon immer offen gegenüber neuen Trends gewesen. Und ein Trend könnte in Zukunft tatsächlich In-vitro-Fleisch werden, auch wenn das anfangs sicherlich erst einmal eine Nische sein wird. Das Thema hat sicherlich noch Forschungsbedarf. Aber ich glaube schon, dass es möglich ist, in einigen Jahren – so wie es die Forscher auch prophezeien –, aus Geflügelfleischzellen gezüchtetes Fleisch anzubieten. Denn es gibt durchaus eine Zielgruppe, die sagt: Klasse, ich kann weiter Fleisch essen, aber dafür muss kein Tier sterben.
Frage: Sie haben zuletzt nicht nur in „SuperMeat“ investiert, sondern sind auch Vertriebspartner des US-Pflanzenburgerproduzenten Beyond Meat geworden und haben Geld in Good Catch, einen Hersteller veganer Fischprodukte, gesteckt. Warum investiert PHW mehr in Fleischalternativen?
Wesjohann: Wir möchten durch Vielfalt wachsen. Die pflanzliche Ernährung hat sich in den vergangenen Jahren spürbar nach oben entwickelt. Und dadurch ist jetzt eine Nische entstanden, die für uns interessant ist. Unternehmen wie Beyond Meat und Good Catch stehen für die nächste Generation von veganen pflanzlichen Proteinen. Am Ende des Tages geht alles über den Geschmack. Und wenn ich jetzt etwa den Beyond-Burger nehme: Der schmeckt wie Rindfleisch, sieht aus wie Rindfleisch und ist einfach ein Genusserlebnis. Klar ist aber auch, dass die konventionelle Geflügelhaltung weiter unser Stamm- und Kerngeschäft bleiben wird – und das auch noch in den nächsten 30 Jahren.
Frage: Welches Potenzial sehen sie für vegane Produkte?

Größter deutscher Geflügelverarbeiter

Peter Wesjohann (49) ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender der PHW-Gruppe. Seine berufliche Karriere startete der Diplom-Kaufmann als Kundenberater der Deutschen Bank in Hamburg. Danach wechselt Wesjohann als Bezirksleiter zu Aldi Süd in Rastatt. 1999 tritt er ins Familienunternehmen PHW ein und ist dort etwa für das Marketing der Marke Wiesenhof zuständig. 2005 wird der 49-Jährige Vorstandsmitglied. Peter Wesjohann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die PHW-Gruppe mit Sitz im Visbeker Ortsteil Rechterfeld (Kreis Vechta) gilt als größter deutscher Geflügelzüchter und -verarbeiter. Die bekanntesten Marken sind „Wiesenhof“ und „Bruzzzler“. Im abgelaufenen Geschäftsjahr (Stichtag: 30.6.2017) beschäftigte PHW 6772 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Umsatz von 2,48 Milliarden Euro. Die Anfänge der Gruppe gehen bis ins Jahr 1932 zurück als unabhängig voneinander Paul Wesjohann in Rechterfeld einen kleinen Landhandel mit Brüterei gründete und Heinz Lohmann in Cuxhaven die Deutsche Fischmehlfabrik.

Wesjohann: Aktuell ist es noch ein Nischenbereich und macht im Wurstbereich bei uns etwa drei Prozent des Umsatzes aus. Wir werden das Thema aber sukzessive nach vorn entwickeln. Ich denke schon, dass man mittelfristig fünf bis zehn Prozent erreichen kann – zumindest in Deutschland, nicht weltweit.
Frage: Kürzlich ist PHW eine strategische Partnerschaft mit dem kanadischen Unternehmen Enterra eingegangen, die darauf abzielt, auf Soja im Geflügelfutter so weit wie möglich zu verzichten und stattdessen speziell entwickelte Insektenproteine zu verwenden. Was versprechen Sie sich davon?
Wesjohann: Enterra ist ein ganz spannendes Thema. Das Unternehmen hat einen Weg gefunden, Soldatenfliegenlarven auf pflanzlichen Nahrungsmittelabfällen aufzuziehen, die lokal gewonnen werden. Wir hoffen, wenn wir dafür in der EU die Zulassung haben, dass wir dadurch beim Geflügelfutter einen großen Teil des bisher benötigten Sojaschrots ersetzen können. Denn das hätte aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten einen doppelt positiven Effekt. Zum einen ist Übersee-Soja ja seit Jahren in der Diskussion, etwa wegen der CO2-Belastung. Mit Insektenproteinen könnten wir hier eine spürbare Reduzierung erreichen. Zum anderen könnte man die lokalen pflanzlichen Lebensmittelabfälle, etwa aus dem Lebensmittelhandel oder Großbäckereien, die sonst entsorgt würden, weiterverwenden zur Aufzucht der Larven. Und nebenbei versuchen wir natürlich auch, ein bisschen Geld damit zu verdienen.

Insekten-Burger

Frage:
Wenn PHW sich schon so intensiv mit Insekten beschäftigt. Könnten auch Nahrungsmittel aus Insekten künftig ein Geschäftsfeld sein?
Wesjohann: Ja, definitiv. Wir beobachten den Markt und es gibt bei uns schon einige Überlegungen in diese Richtung. Einige Angebote sind auf dem Markt ja bereits vorhanden, zum Beispiel Insektenburger. Und wir glauben schon, dass es eine Zielgruppe für solche Produkte gibt. Entscheidend ist immer die Frage des Geschmacks. Wenn es uns gelingen sollte, schmackhafte Produkte zu entwickeln, warum sollten wir dieses Protein dann nicht nutzen.
Frage: Wenn man alles zusammennimmt – vegane Produkte, Fleisch aus dem Labor, vielleicht künftig auch Insekten-Nahrungsmittel: Halten Sie es für möglich, das konventionelle Fleisch komplett aus der Nahrungskette der Menschen zu verdrängen?
Wesjohann: Nein, das glaube ich persönlich nicht. Man sollte da auch nicht schwarz-weiß denken. Es wird aus meiner Sicht verschiedenste Angebotsformen nebeneinander geben. Und dabei wird die konventionelle Fleischerzeugung weiterhin ihren Part haben – und das auch noch auf sehr lange Zeit. Die Weltbevölkerung wächst. Und Teile dieser Weltbevölkerung stellen gerade erst um von pflanzlicher auf fleischliche Ernährung. Was ich aber schon glaube, ist, dass die alternativen Angebotsformen weiter wachsen werden.
Frage: Wie wird sich ihr Kerngeschäftsfeld weiter entwickeln?
Wesjohann: Geflügel ist weltweit auf Wachstumskurs, was den Pro-Kopf-Verbrauch angeht. Und das wird in den nächsten Jahrzehnten aufgrund der Entwicklung einiger Weltbevölkerungsgruppen sogar noch weiter an Fahrt aufnehmen. Selbst in Deutschland, wo der Fleischkonsum insgesamt seit einigen Jahren rückläufig ist, ist Geflügelfleisch noch auf Wachstumskurs, zumindest was Hähnchen angeht. Und ich bin optimistisch, dass dieser Trend auch in den nächsten Jahren anhalten wird, weil man aus Hähnchenfleisch viele Produktvarianten entwickeln kann und weil es gesund sowie ernährungsphysiologisch einwandfrei ist.
Frage: Das heißt, Geflügel könnte Schwein beim Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland irgendwann überholen?
Wesjohann: Nein. Ich glaube, diese Wachablösung werde ich in meinem Leben nicht mehr erleben. Dafür hat Schweinefleisch hier einfach eine zu starke Stellung.

Bio- und Tierwohl

Frage: Wie sieht die Entwicklung bei Bio- und Tierwohl-Produkten aus?
Wesjohann: Bio haben wir schon 2002 gemacht, haben es mittlerweile aber eingestellt, weil es sich nicht gerechnet hat. Wir haben damals maximal 7000 bis 8000 Tiere pro Woche im gesamten Lebensmitteleinzelhandel vermarktet, weil das Biotier drei Mal so teuer ist wie das normale Tier. Und da muss man ganz klar feststellen: Das war dann zu teuer für den Verbraucher. Man muss einfach einsehen, dass eine Preissensitivität der Verbraucher da ist, gerade auch in Deutschland.
Frage: Und Tierwohl-Produkte?
Wesjohann: Wir haben damals gesagt: Wir wollen dem Verbraucher eine Alternative bieten mit einer Haltungsform, die ein Mehr an Tierwohl bietet, aber trotzdem für die Verbraucher noch preislich akzeptabel ist. So haben wir das „Privathof-Konzept“ entwickelt mit einem Drittel mehr Platz für die Tiere, einem Drittel mehr Aufzuchtzeit, einer langsamer wachsenden Rasse, Wintergarten und Beschäftigungsmaterialien für die Tiere. Mittlerweile schlachten wir so 160 000 Tiere pro Woche. 37 Höfe setzen das „Privathof“-Konzept schon um – Tendenz steigend. Und wir haben auch andere Tierwohl-Konzepte, die wir unterstützen, etwa Beter Leven und Kip van Morgen in den Niederlanden, oder auch die Initiative Tierwohl. Wir werden Ende 2018 weit über 60 Prozent unserer deutschen Produktion unter einem Tierwohl-Konzept laufen haben. Das ist schon ein bedeutender Wandel.
Frage: Wie glaubwürdig kann PHW/Wiesenhof denn überhaupt Tierwohl-Produkte anbieten? Schließlich gilt das Unternehmen für nicht wenige Menschen als Inbegriff der Massentierhaltung.
Wesjohann: Wenn ein Unternehmen Ende 2018 weit über 60 Prozent seiner Produktion auf irgendein Tierwohl-Konzept umgestellt hat, dann kann es wohl kaum mehr Glaubwürdigkeit geben. Und auch die normale Haltung ist bei uns auf einem extrem hohen Standard. Wir sind das bestkontrollierte Unternehmen in Europa.

Und die Kritiker?

Frage: Was sagen Sie Kritikern, die fordern, dass PHW die Massentierhaltung am besten komplett einstellen sollte?
Wesjohann: Natürlich kann man diese Forderung aufstellen, aber das würde am Ende des Tages nichts nützen. Denn dann würde das Fleisch aus dem Ausland kommen – und zwar zu deutlich niedrigeren Standards. Wir sind mit unserer deutschen Produktion auf der weltweiten Bühne nicht wettbewerbsfähig, weil die Standards hierzulande extremst hoch sind – wesentlich höher als in Osteuropa oder anderen EU-Ländern. Wenn wir hier die Produktion einstellen würden, würde das Fleisch aus anderen Gebieten kommen, etwa aus Polen, das auch dank EU-Subventionen mittlerweile zum größten Geflügelproduktionsland Europas geworden ist. Und was wäre die Folge? Die Standards würden nicht steigen, sondern sinken und obendrein würden hier viele Arbeitsplätze vernichtet. Auch für den ländlichen Raum wäre das nicht gut, denn der lebt ganz wesentlich von den Landwirten und den landwirtschaftlichen Betrieben.
Frage: Ein anderes Thema, das in der Fleischindustrie immer wieder hochkocht, sind die Arbeitsbedingungen. Der katholische Pfarrer Peter Kossen und sein Bruder haben erst kürzlich wieder die ihrer Ansicht nach teils „menschenunwürdigen Verhältnisse“ angeprangert. Fühlen Sie sich hier angesprochen?
Wesjohann: Es ist in der Tat so, dass es in der Vergangenheit bei Werkverträgen allgemein, unabhängig von der Branche, Dinge gab, die nicht in Ordnung waren. Gerade wir, auch als Familie, haben uns in den vergangenen Jahren aber extrem dafür eingesetzt, dass hier Verbesserungen erreicht werden. Mein Vater hat sich persönlich darum bemüht, dass es in der Branche einen Mindestlohn gibt. Das ist wichtig, weil man damit auch Wettbewerbsgleichheit herstellt. Dann haben wir uns als Unternehmen auch die Selbstverpflichtung der Fleischwirtschaft mit auferlegt. Das heißt: Unsere Werkvertragsarbeitgeber dürfen Arbeitnehmer ausschließlich nach deutschem Sozialversicherungs- und Steuerrecht anstellen. Das wird auch von einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft regelmäßig überprüft. Wenn Werkvertragsarbeiter Wohnungen gestellt bekommen, werden diese von Zertifizierungsunternehmen auditiert. Und wenn etwas nicht in Ordnung ist, wird das zügig abgestellt. Wir können immer besser werden, kein Thema. Aber wir sind hier sehr gut aufgestellt, grundsätzlich und auch im Verhältnis zu anderen Unternehmen. Das ist Fakt. Und deshalb ärgern mich unberechtigte Pauschalisierungen.
Jörg Schürmeyer
Redakteur
Wirtschaftsredaktion
Tel:
0441 9988 2041

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