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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Pia-Preis: "Wer Fachkräfte möchte, muss ausbilden"

09.09.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-09-11T14:20:47Z 280 158

Interview:
„Wer Fachkräfte möchte, muss ausbilden“

Frage: Viele Unternehmen sprechen von einem Fachkräftemangel. Wie sehen Sie die Lage in der Region?

Jürgensen: Wir haben immer noch höhere Bewerberzahlen als Stellen in unserem Agenturbezirk. Wenn ich mir etwa die Julizahlen anschaue, haben wir 6670 Bewerber, das ist ein Plus von 400 im Vergleich zum vergangenen Jahr. Und wir haben 5105 gemeldete Stellen, das ist ein Minus von mehr als 300. Da sehe ich hier in der Region eben nicht die Wahlmöglichkeit der Bewerber – also brauchen wir mehr Ausbildungsstellen. Ich sehe das daher etwas anders, als die Arbeitgeber. Denn wer einen Fachkräftemangel angibt, muss auch zusehen, dass er ausbildet.

Frage: Was ist mit den rückläufigen Schülerzahlen?

Jürgensen: Die Prognosen, dass die Schülerzahlen rückläufig sind, und damit auch die Zahl der Bewerber, haben sich bis jetzt noch nicht bestätigt. Im Gegenteil, bei uns steigen die Zahlen immer noch, was erfreulich ist, wenn auch alle versorgt werden.

Frage: Was raten Sie Jugendlichen, die in diesem Jahr keinen Ausbildungsplatz ergattert haben?

Jürgensen: Sie sollten sich natürlich weiter bewerben. Und es ist immer gut, im Vorfeld eine Alternative zu haben.

Ich glaube allerdings, dass die Auszubildenden sich zum Großteil schon Alternativen suchen. Wir haben häufig Abbrüche da, wo die Wahl vielleicht nur der Dritt- oder Viertwunsch war. Jugendliche sollten auch die Nachvermittlung nutzen und sich eventuell andere Fachbereiche anschauen.

Frage: Warum sind handwerkliche Berufe scheinbar nicht mehr so attraktiv?

Jürgensen: Ich finde, dass das Handwerk sehr gute Arbeit leistet, um das Image aufzuwerten. Gerade die Handwerkskammer macht da ganz viel. Viel wichtiger ist, dass die Politik endlich mit der Akademisierung aufhört und wertschätzt, dass eine Ausbildung und anschließend eine Weiterbildung innerhalb des Bereiches eben auch sehr viel wert ist. Auch die Übergänge zwischen beruflichem Werdegang und Hochschule müssen erleichtert werden. Ich glaube auch, dass die Politik mit ihrer Diskussion über Akademisierung dazu beigetragen hat, dass die duale Ausbildung geschwächt worden ist. Da muss eine klare Umsteuerung stattfinden, damit sich das Bild in der Öffentlichkeit wieder ändert. Auf Elternabenden etwa sollte das Thema Berufsorientierung auch unter dem Aspekt angesprochen werden, dass es eben nicht nur vom Gymnasium an die Hochschule oder Universität geht, sondern auch eine duale Ausbildung Sinn machen kann.

Frage: Wie kann der Übergang von der Schule ins Berufsleben besser gelingen?

Jürgensen: Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass die Berufsorientierung verbessert wird. Es gibt schon viele gute Initiativen zwischen Schule, Agentur für Arbeit, den Kammern und Unternehmensverbänden. Für mich ist wichtig, dass eine Berufsorientierung frei von Werten – also marktneutral – ist. Außerdem sollten die Fähigkeiten und Kenntnisse der Jugendlichen berücksichtigt werden. Sie müssen verstehen, dass sie lange in diesem Beruf arbeiten müssen, daher ist es natürlich eine gewichtige Entscheidung. Aber auch die Ausbildungsbetriebe müssen den Jugendlichen schnell klar machen: Ihr habt bei uns eine Perspektive. Oftmals wissen sie bis kurz vor Abschluss der Ausbildung gar nicht, ob sie übernommen werden. Man geht natürlich eher in einen Betrieb, bei dem man weiß, dass man wertgeschätzt wird und eine langfristige Perspektive hat.

Frage: Vielleicht lassen sich Studienabbrecher für eine betriebliche Ausbildung gewinnen?

Jürgensen: Zwar bemühen sich unter anderem die Industrie- und Handelskammer und die Handwerkskammer um Studienabbrecher, aber häufig ist es so, dass diese ein anderes Studium vorziehen. Es gibt natürlich auch einen Prozentsatz, der anschließend sagt, ich mache lieber eine duale Ausbildung. Es ist aber schade, dass die duale Ausbildung kaum wertgeschätzt wird. Alle anderen Länder beneiden uns darum und möchten dieses Modell nachahmen, und wir machen es durch die Akademisierung klein, das ist schon verrückt.

Frage: Warum werden Ausbildungen abgebrochen?

Jürgensen: Das „Matching“ passt nicht, also Bewerber auf Stelle, und häufig sind es die offenen Stellen, die nicht so attraktiv sind wie Nahrungs- und Lebensmittelbereich, Einzelhandel, Gastronomie.

Frage: Was sollten Arbeitgeber tun, um die Ausbildung attraktiver zu gestalten?

Jürgensen: Nur, wer Transparenz herstellt, gewinnt auch Vertrauen und zeigt Auszubildenden Wertschätzung. Die Ausbildung sollte gut organisiert und strukturiert sein und den Jugendlichen eine Perspektive im Unternehmen gegeben werden. Das betrifft sowohl eine unbefristete Übernahme als auch spätere Aufstiegschancen im Unternehmen. Nicht zuletzt muss gute Arbeit auch entsprechend vergütet werden.

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