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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Ein Akt der freiwilligen Zensur

03.02.2018
Frage: Sittenwächter entfernen inzwischen Bilder mit Nackten aus den Museen, wie vor Tagen im britischen Manchester geschehen. Wie sehen Sie diese Aktion?
Borchardt: Das eine ist die aktuelle Sexismus-Debatte, in der es um gesellschaftliche Werte geht, das andere sind die persönlichen Verfehlungen von Menschen, und man muss sehen, welchen historischen Kontext bestimmte Kunstwerke haben. Das muss in einem offenen, freiheitlichen Kontext debattiert werden. Aber eine freiwillige Zensur – also bestimmte Bilder abzuhängen – ist bestimmt keine Lösung in einer demokratischen und offenen Gesellschaft!
Frage: Gern wird das Kunstwerk mit dem Künstler, der es schuf, in eine ganz enge Verbindung gebracht…
Borchardt: Ja, seit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, eigentlich seit Beginn der Moderne, ist die Vorstellung der Authentizität eines Werke sehr wichtig. Das heißt: Zwischen Werk und Künstler wird eine Identität unterstellt, und dies ist dann ja auch der Kern des Pro­blems. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen dem Künstler und dem Kunstwerk, Realität und Fiktion. Dabei sind das ganz verschiedene Dinge. Ich kann den Künstler aller möglichen und unmöglichen Dinge bezichtigen und ihn sogar verurteilen, aber die Kunst steht – moralisch gesehen – für sich!
Frage: Haben Sie ein Beispiel parat?
Borchardt: Es ist etwas anderes, ob ich einem Roman schreibe, in dem sexuelle Fantasien ausgelebt werden, oder ob ich sie dann tatsächlich real ausübe ohne Rücksicht auf andere Menschen. Auch Werke von Sympathisanten der Nazis, nehmen Sie etwa Gottfried Benn, werden doch unabhängig von ihrer persönlichen Haltung oder Verfehlung gelesen und gewürdigt – und das ist auch gut so.
Frage: Entwickelt jede Zeit ihre eigenen Maßstäbe?
Borchardt: Ganz sicher. Ich würde generell unterscheiden zwischen der Gegenwart und einer Vergangenheit, die ihre Vorstellungen hatte. Die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts waren ganz anders im direkten Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität, als es heute der Fall ist. Anzüglichkeiten waren damals kaum der Erwähnung wert, heute sieht das ganz anders aus. Da hat es radikale gesellschaftliche Veränderungen gegeben, die andere Sensibilitäten mit sich bringen.
Frage: In den USA hat die National Gallery in Washington eine Schau mit dem Fotorealisten Chuck Close nach Vorwürfen sexueller Belästigung abgesagt. Die Hamburger Deichtorhallen setzen eine geplante Ausstellung von Bruce Weber nach Belästigungsvorwürfen gegen den Modefotografen ab.
Borchardt: Es gibt in meinen Augen nicht nur schwarz oder weiß, in Wirklichkeit sind solche Situationen doch hochkomplex. Wir müssen Widersprüche in der Gesellschaft und in der Kunst anerkennen, und das findet zu wenig statt. In der aktuellen Debatte fehlt eine ordentliche Streitkultur, in der mit dem notwendigen Respekt unterschiedliche Auffassungen ausgehandelt werden. Es wird so getan, als gäbe es jeweils nur eine richtige Haltung in zentralen gesellschaftlichen Fragen, wie etwa der Sexualität. Ein Museum muss da gegensteuern und Plattform für freie Debatten sein. Man kann es nicht oft genug sagen: Ein Bild abzuhängen ist keine Lösung.
Frage: Was sagen Sie dazu, dass in Berlin ein Gedicht von Eugen Gomringer an einer Fassade übermalt werden soll, weil es angeblich sexistisch ist?
Borchardt: Das ist ein Akt der freiwilligen Zensur, den ich nicht billigen kann. Das ist undemokratisch und nicht juristisch legitimiert. Das geschieht in einer Atmosphäre des Verdachts, der Denunziation und der Unterstellung.
Frage: Wie geht die Debatte weiter?
Borchardt: Ich glaube, dass die Debatte den typischen Verlauf nehmen wird: Sie kocht erst einmal über Monate hoch – dabei gibt es Verallgemeinerungen und Grenzüberschreitungen. Am Ende der Debatte normalisiert es sich dann wieder und man kommt zu einem vernünftigen Umgang miteinander. Aber das wird noch dauern.
Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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