• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • LocaFox
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Energie: So einen Stromspeicher gab’s noch nicht

22.07.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-07-22T05:01:12Z 280 158

Energie:
So einen Stromspeicher gab’s noch nicht

Frage: Herr Riekenberg, die EWE hat Aufsehen erregt mit der Ankündigung, in Kavernen an der Ems die größte Batterie der Welt zu schaffen. Inwiefern kann sie am größten sein?

Riekenberg: Wir meinen die Speicherfähigkeit oder auch Kapazität. Das ist die Zeit, in der man den Speicher mit maximaler Leistung befüllen oder entleeren kann. Uns schwebt eine Batterie vor, mit deren Kapazität etwa die Einwohner der Stadt Oldenburg einen Tag lang versorgt werden könnten. Rekordträchtig ist allein schon der Umfang der Batterie. Die beiden Kavernen im Salzstock könnten hundert Meter hoch und dutzende Meter breit sein. So etwas gibt es für die Stromspeicherung bisher nicht.

Frage: Warum diese Innovation?

Riekenberg: Dazu ein Beispiel: Der Strom, der in den vielen Windkraftanlagen im Küstenraum und auf See anfällt, könnte gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen werden. Dann müssten die Fernleitungsnetze für einen Abtransport gegebenenfalls nicht mehr so stark oder so schnell ausgebaut oder bei Netzengpässen im Verteilnetz die Leistung von Einspeiseanlagen nicht reduziert werden. Unser Ansatz ist außerdem nachhaltig – ganz anders als bei der Nutzung herkömmlicher Batterien. Denken Sie nur an üblicherweise verwendete Schwermetalle! Uns geht es um eine grüne Mega-Batterie für grün erzeugte Energie.

Frage: Wie ist denn das Grundprinzip der Riesen-Batterie?

Riekenberg: Stark vereinfacht so: Das Grundprinzip basiert auf der Redox-Flow- Batterietechnik. Man benötigt zwei Flüssigkeitsbehälter, wir nehmen unsere unterirdisch hergestellten Hohlräume, die Kavernen. Diese werden mit Flüssigkeiten gefüllt, die Strom speichern können. Dies ist in Kavernen naturgemäß hoch konzentriertes Salzwasser, dem wir bestimmte Polymere zusetzen, also chemische Verbindungen, die wir aus Kunststoffen kennen. An die Struktur dieser kleinen Einheiten können sich negativ geladene Elektronen andocken. Und sie können auch wieder abgestoßen werden, wenn der Strom aus der Batterie abgerufen wird. Die Flüssigkeiten beider beteiligten Kavernen zirkulieren in getrennten Kreisläufen und treffen in einem oberirdischen Behälter aufeinander, wobei eine Membran verhindert, dass sie sich mischen. Durch diese Membran wandern nur die Elektronen. Nach dieser elektro-chemischen Reaktion fließen die Flüssigkeiten wieder zurück in die Kavernen. Die Elektronen werden im Wechsel aufgenommen oder abgegeben, je nachdem, ob die Batterie geladen oder entladen wird. Diesen Vorgang beschreibt das Redox-Flow- Prinzip. Pumpen halten die Flüssigkeiten aus beiden Kavernen in Bewegung.

Frage: Stromspeicher sind bei EWE schon lange ein Thema. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, speziell diese Technologie zu einem EWE-Projekt zu machen, dem Projekt „brine4power“?

Riekenberg: Am Anfang stand ein Artikel in der Zeitschrift „Nature“, den mein Kollege Frank Schädlich im November 2015 entdeckte. Es ging um Erkenntnisse des Professors Dr. Ulrich Schubert von der Friedrich Schiller Universität Jena. Seine Idee von einer grünen Batterietechnologie mithilfe von Salzwasser hat uns als Gaskavernenbetreiber fasziniert. Wir nahmen Kontakt auf. Und jetzt arbeiten wir eng mit Professor Schubert und seinem Team zusammen.

Frage: Die Versuche im Uni-Labor sind das Eine. Ihnen schwebt aber letztlich eine Realisierung im Industrie-Maßstab vor. Wie gehen Sie das an?

Riekenberg: In mehreren Schritten. In einer Vorprojektphase bei der EWE Gasspeicher GmbH haben wir bereits erste Studien durchlaufen, Patente beschrieben und eingereicht. Noch in diesem Jahr soll eine kleine Testanlage mit 40 Kilowattstunden Speicherkapazität und 10 kW Leistung entstehen. Die Testanlage ist etwa so groß wie ein halber Standard-Container. Aber er wird schon die gesamte Grundkonstruktion – zwei Flüssigkeitsbehälter und alle weiteren notwendigen Bestandteile enthalten. Bis Ende 2018 wollen wir einen Prototypen mit bereits 500 bis 2500 Kilowattstunden Speicherkapazität und 100 bis 500 kW Leistung bauen.

Frage: Nehmen wir an, das funktioniert. Und dann?

Riekenberg: Eine Anlage im großen Stil peilen wir für Ende 2023 an. Man kann Kavernen, die bisher mit Erdgas befüllt wurden, umfunktionieren oder neue für die Stromspeicherung optimierte Kavernen bauen. Eine Entscheidung, welche Variante wir umsetzen, wird in 2019 getroffen. Das ist zeitlich gesehen, trotz der verbleibenden Jahre, ein sehr sportliches Vorhaben. Die maximalen Zielwerte sollen 120 Megawatt Leistung und 700 Megawattstunden Speicherkapazität sein. Das würde, wie eingangs gesagt, für die Haushalte einer Stadt wie Oldenburg für einen Tag reichen.

Frage: Und das ist...

Riekenberg: … schon eine ganze Menge! Stellen Sie sich nur vor, wie man damit angesichts des stark schwankenden Stromangebotes aus Wind und Sonne das Stromnetz stabilisieren könnte. Im äußerst unwahrscheinlichen Extremfall, dem Black-Out des Stromsystems, könnten entscheidende erste Anlagen, wie klassische Kraftwerke, mit der Stromreserve aus unserer Batterie wieder hochfahren. Der größere tägliche Nutzen besteht darin, regenerativ erzeugten Strom nutzbar zu machen, der ohne die Speicherung abgeregelt werden müsste. Dieser Effekt ist für das Gelingen der Energiewende entscheidend.

Frage: Sie sind auf Neuland unterwegs. Was muss noch erforscht werden?

Riekenberg: Vieles! Wir haben Dutzende Teilprojekte identifiziert, in denen sich die Experten mit Fragen beschäftigen, wie den Auswirkungen auf die Kavernen und die Salzwände, Entwicklung großer Stacks – das sind die Behälter, in denen die Flüssigkeitsströme aus den Kavernen zusammengeführt werden und der elektro-chemische Prozess stattfindet, dann die Optimierung der Polymere für die Elektronen-Aufnahme aus den regenerativen Stromquellen oder auch die Kunststoff-Verrohrung, die Gebirgsmechanik am Salzstock – und, und, und.

Frage: Wer ist mit im Boot?

Riekenberg: Das Projekt können wir mit unserem kleinen Team – beteiligt sind ganz oder teilweise etwa 20 Kollegen –, natürlich nicht allein stemmen, von den neuen Technologien mal ganz abgesehen. Wir haben also viele Partner, darunter Forscher an den Universitäten in Jena, Freiberg/Dresden sowie das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik aus Oberhausen.

Frage: Und die Region?

Riekenberg: ... wird auch in starkem Maße profitieren. Aktuell gab es Gespräche mit Spezialisten aus der Region, wie zum Beispiel Ingenieuren vom Anlagenbauer RMT aus der Baugruppe Ludwig Freytag sowie Materialspezialisten der Technologiefirma Eriksen oder vom Oldenburger Büro von ABB, der EWE-Tochter Socon in Westerstede für Vermessungsfragen, der Deep-Engineering aus Bad Zwischenahn, die Kavernen bauen können, um nur einige zu nennen. Das wird aber noch viel mehr werden, je konkreter das Projekt wird. Unterm Strich wird die Region ihre Rolle als Energie-Drehscheibe weiter ausbauen.

Frage: Müssen sich die Menschen im Raum Jemgum Sorgen machen?

Riekenberg: Nein. Ich weiß aber, dass Technik und insbesondere neue Techniken immer sehr kritisch gesehen werden. Wir werden zunächst so viele der insbesondere umweltrelevanten Informationen wie möglich zusammentragen und dann der Öffentlichkeit präsentieren.

Größere Bauvorhaben bedeuten immer eine Belastung für die Anlieger und zudem ist der Standort Jemgum durch die direkte Nachbarschaft zum Vogelschutzgebiet vom Gesichtspunkt des Umweltschutzes schon sehr anspruchsvoll.

Und übrigens ist für dieses Projekt am Ende nicht nur Jemgum geeignet. In Frage kämen etwa auch unsere Speicherstandorte in Nüttermoor in Leer, in Huntorf bei Elsfleth oder in Rüdersdorf bei Berlin. Auch dort haben wir Kavernen in Salzstöcken.

Frage: Was hat EWE von dem Projekt?

Riekenberg: Es passt sehr gut in die Gesamtstrategie von EWE! Hier könnte ein neues Geschäftsfeld entstehen – und mit den neuen Stromspeichermöglichkeiten ein Schlüssel zur Energiewende!

Weitere Nachrichten:

EWE | ABB