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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Sparer zahlen für Euro-Krise und Griechenland

04.03.2017
Frage: Die Inflation ist in Deutschland über zwei Prozent geklettert. Die Zinsen sind teilweise negativ. Wird die Euro-Rettungspolitik zum Enteignungsprogramm der Deutschen?
Fuest: Die Euro-Rettung kostet die deutschen Steuerzahler und vor allem die Sparer Geld. Um Griechenland zu stabilisieren, wurden die Kosten weitgehend von den ursprünglichen Gläubigern auf die Steuerzahler übertragen. Und die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen auf Null gesetzt. Der Vorwurf der Enteignungspolitik trifft die Sache aber nicht, auch wenn aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger wohl nicht alles ganz fair verlaufen ist.
Frage: Wenn nun die steigende Inflation hinzukommt, ist es da nicht allerhöchste Zeit, umzusteuern?
Fuest: Derzeit treiben die Energiepreise die Inflationsrate. Wahrscheinlich wird dieser Effekt im Laufe des Jahres nachlassen und die Inflationsrate im kommenden Jahr wieder zurückgehen. Wir wissen aber nicht, wie weit. Die EZB wird deshalb bald aus der expansiven Geldpolitik aussteigen müssen. Wenn das zu abrupt geschieht, könnte eine neue Finanzkrise entstehen.
Frage: Die Gefahr wird immer bestehen. Warum also nicht jetzt die Reißleine ziehen?
Fuest: Ja, man sollte jetzt den Ausstieg einleiten, aber behutsam. Angesichts der Normalisierung der Inflation, die sich abzeichnet, sollten die Anleihenkäufe deswegen schrittweise zurückgefahren werden. Dann können sich die Finanzmärkte darauf einstellen. Wenn die Inflation nächstes Jahr wieder sinken sollte, könnte die EZB erneut gegensteuern. Aber jetzt, bei einer Inflation von zwei Prozent, den Fuß voll auf dem Gaspedal zu lassen, halte ich für falsch!
Frage: Die Sozialverbände haben am Donnerstag einen alarmierenden Armutsbericht vorgelegt. 16 von 100 Deutschen sind demnach von Armut bedroht. Wird das reiche Deutschland zum Staat der Abhängten und Verlierer?
Fuest: Diese Darstellung ist krass überzogen. Deutschland gehört unter den reichen Industrieländern zur Gruppe derjenigen, die am stärksten umverteilen. Die Frage ist: Erreicht es die Richtigen? Übrigens rutscht niemand in Deutschland unter das Existenzminium, es sei denn, er nimmt die Leistungen des Sozialstaates nicht an. 2005 waren acht Millionen Menschen in der Mindestsicherung. Heute sind es sieben Millionen, also eine Million weniger.
Tobias Schmidt Korrespondentenbüro Berlin
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