Woher kommen die hohen Abweichungen zwischen den auf dem Prüfstand gemessenen Abgaswerten und auf der Straße?

LindemannAbweichungen liegen in der Natur der Sache. Die offiziellen Werte werden unter streng genormten, nahezu klinischen Bedingungen im Labor ermittelt. Demgegenüber unterliegen die Werte auf der Straße vielfältigen Einflüssen wie der Fahrweise, Verkehrslage und Witterung.

MoserDiese Erklärung greift nicht. Es ist noch nie ein Straßentest bekannt geworden, dessen Ergebnis unter dem Laborwert liegt. Die Abweichungen steigen seit Jahren. Hier müssen Autohersteller, aber auch die Politik in die Pflicht genommen werden, damit Abgastests realistischer werden und Manipulation – egal ob legal oder illegal – unterbunden wird.

Was meinen Sie mit legal oder illegal?

MoserBei der illegalen Manipulation im VW-Abgas-Skandal sorgt eine Software dafür, dass Autos auf dem Prüfstand die Grenzwerte einhalten, auf der Straße aber um ein Vielfaches darüber liegen. Die offiziellen Abgastests sind zwar legal, aber sie haben nichts mehr mit der Realität auf der Straße zu tun. Das ist eine Manipulation, die mit realitätsfremden Testbedingungen suggerieren will, dass Autos weniger Schadstoffe ausstoßen. Dabei reden wir nicht über Lappalien: Durch das gefährliche Reizgas Stickstoffdioxid etwa sterben allein in Deutschland 10 000 Menschen im Jahr. Das macht wirksame Abgasgrenzwerte zu einer Frage von Leben und Tod.

LindemannDarf ich an der Stelle einhaken? Konkrete Berechnungen zu einer erhöhten Sterblichkeit durch Stickoxide aus dem Straßenverkehr gibt es nicht. Daten des Umweltbundesamts zeigen, dass die Gesamtemissionen in Deutschland seit 1990 um mehr als die Hälfte zurückgegangen sind. Zur Frage des Tests: Es ist aus unserer Sicht ein Scheinargument zu behaupten, dass der offizielle Verbrauchswert mit der Realität nicht übereinstimmt. Der Prüfzyklus soll den Verbrauch unterschiedlicher Pkw transparent machen, und das unter identischen, stetig reproduzierbaren Bedingungen. So müssen die Hersteller etwa das Tagfahrlicht anschalten und Sommerreifen verwenden. Und obwohl der Test veraltet ist, zeigt sich, dass man die Werte mit einer sehr defensiven Fahrweise unterschreiten kann.

Veraltet soll konkret heißen?

LindemannDer Test wurde vor über 30 Jahren entwickelt. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist zu niedrig. Außerdem ist das Verhältnis von Stadtfahrten und Überlandfahrten nicht mehr zeitgemäß und vieles mehr. Trotz aller Kritik, das Messverfahren ist geltendes Recht.

Herr Moser, halten Sie das Ganze für Verbrauchertäuschung?

MoserDie Kunden müssen wissen, dass diese Tests nicht die Realität abbilden. Und die Politik darf die Prüfverfahren nicht weiter vom kontinuierlichen Lobbyismus der Autoindustrie verwässern lassen.

Lindemann Verbrauchertäuschung liegt vor, wenn Recht und Gesetz missachtet werden. Das ist im Fall von Volkswagen geschehen, was von uns wiederholt klar kritisiert worden ist. Wir bestreiten nicht, dass es Unterschiede gibt. Im Gegenteil: Wir haben selbst ein Interesse an realistischeren Messverfahren und unterstützen alles, was die Integrität des Systems stärkt. Der Ball liegt beim Gesetzgeber.