Frau Mattes, haben Sie ein gutes Gedächtnis?

Mattes Ich glaube. Manche Sachen vergesse ich.

Auf Ihrer Homepage ist nachzulesen, dass Sie seit 1966 in rund 200 Filmen und Theaterinszenierungen mitgewirkt haben. Können Sie sich noch an jede Rolle erinnern?

MattesEigentlich ja. Ich habe regelmäßig meine Filmographien geschrieben. Und dann hatte ich eine Mutter, die bis zu ihrem Tod 1992 alles von mir eingeklebt hat, was es an Pressetexten überhaupt gab – in wunderbare große Mappen. Das ist ein tolles Dokument, in dem ich nachschlagen kann. Wenn ich mich etwa frage, wann die Premiere der „Wildente“ war im Jahr Neunzehnhundertschnee, damals war ich 19, dann schlage ich das Buch auf, sehe alle Kritiken und finde das Datum. Das hat mir sehr geholfen beim Schreiben meines Buches „Wir können nicht alle wie Berta sein“.

Sie standen mit zwölf das erste Mal auf der Bühne. Würden Sie dennoch sagen, dass Sie eine halbwegs normale Kindheit hatten?

MattesJa, schon. Bis zu meinem achten Lebensjahr habe ich intensiv mit Puppen oder Indianer gespielt, bin Fahrrad gefahren, auf jeden Baum geklettert und von jeder Mauer gesprungen.

In einem Interview haben Sie kürzlich erzählt, dass Sie sehr frühreif waren und mit 14 Ihren ersten Freund hatten . . .

Mattes. . . das auch . . .

. . ., und der war damals 21.

MattesIch habe auch meine Pubertät sehr krass ausgelebt, zumindest heftig. Da ich schon damals sehr viel gearbeitet habe, nahm ich mir das Recht heraus, abends in die Disco zu gehen. Ich stand ja tagelang im Synchronstudio. Da muss man sich abends irgendwie austoben. Insofern hatte ich dennoch eine Kindheit und Jugend.

Aber ich muss sagen, dass ich von dem Moment an, in dem ich anfing zu arbeiten, fast nur mit Erwachsenen zusammen war. Mit Gleichaltrigen konnte ich eigentlich nichts anfangen.

Sie haben mit bedeutenden Regisseuren zusammengearbeitet, die Feuilletons waren voll mit Berichten über Sie. Aber nur als „Tatort“-Kommissarin Klara Blum scheint Sie wirklich jeder zu kennen. Ist das ein Problem für Sie?

MattesNein, gar nicht. Ich weiß ja, was ich davor gemacht habe, und viele andere wissen das auch. Heutzutage kann man ja auch im Internet alles sehen. Den Film „Wildwechsel“ von Rainer Werner Fassbinder etwa kann man sich in voller Länge auf Youtube anschauen. Was mich freut, weil der im Kino nie läuft. Diese „Tatort“-Rolle ist außerdem gut für meine Liederabende, weil die Leute kommen und mich auf der Bühne sehen wollen.

Ist die Rolle der Klara Blum für Sie gleichwertig mit allen anderen Rollen, die Sie in Ihrem Berufsleben bisher verkörpert haben?

MattesAuf jeden Fall ist es eine Arbeit, die ich ernst nehme und die mir Freude macht. Der „Tatort“ hat ja Kultstatus in Deutschland und gehört zu der besseren Fernsehunterhaltung. Dafür muss man sich nicht schämen.

Ihre musikalisch-literarischen Abende sind noch einmal etwas ganz anderes. Ist das eine Art Entspannung?

Mattes(lacht) Nee, gar nicht! Entspannung ist das gar nicht, weil ich immer sehr aufgeregt bin.

Und warum?

MattesWeil sie so vielfältig sind und mich sehr beanspruchen. Das Programm reicht vom Brahms-Volkslied, mit zarter Stimme, über männliche Hans-Albers-Songs und Chansons von Marlene Dietrich bis zu italienischen Cantastorie (Bänkellieder) und Balladen. Alle erfordern verschiedene Stimmen.

Haben Sie eine professionelle Gesangsausbildung?

MattesNicht so voll­endet. Ich habe zwischendurch immer Gesangsunterricht genommen, aber nicht kontinuierlich am Stück. Ich habe immer gesungen und viel durch die Praxis gelernt.

Mit Irmgard Schleier, die das Programm zusammengestellt hat und die mich am Klavier begleitet, arbeite ich seit vielen Jahren zusammen. Uns verbindet eine 40-jährige Freundschaft, und wir haben früher schon in der Wohngemeinschaft viel gemeinsam gesungen.

Ihre Kollegin Hannelore Hoger – keine „Tatort“-Kommissarin, aber als Bella Block auch im Krimi-Geschäft – ist ebenfalls mit Bühnenabenden auf Tournee.

MattesDas machen viele von uns. Es gibt offenbar das Publikum dafür. Mein Programm ist zugleich eine Zeitreise durch europäische Kulturlandschaften. Ich habe so das Gefühl, dass es beim Publikum auch ein Bedürfnis gibt nach Texten, die bald in Vergessenheit geraten könnten, wenn man sie nicht auf die Bühne bringt.