Herr Professor Straubhaar, Sie befassen sich eigentlich mit globalwirtschaftlichen Fragen, sind aber auch regelmäßig im Nordwesten unterwegs. Wie gut entwickelt sich die Region?
StraubhaarIch bin für 2013 und auch die Folgejahre für ganz Deutschland zuversichtlich und schließe die Nordwest-Region mit ein. Die Voraussetzungen für eine günstige Entwicklung sind hier sehr gut.
Inwiefern?
StraubhaarDa gibt es viele Faktoren. Ich denke zuerst an die im Nordwesten sehr ausgeprägten mittelständischen Strukturen und die guten Spezialkenntnisse in einer Reihe von Wachstumsmärkten, bis hin zur Ernährung und ihren vor- und nachgelagerten Bereichen. Außerdem wird Energie, künftig verstärkt Windenergie draußen auf See, ein Riesenthema. Auch alles, was mit maritimer Wirtschaft und mit Logistik zu tun hat, wird einen enormen Aufschwung erleben. Unterm Strich könnte sich im Nordwesten verglichen zum Bundesdurchschnitt sogar ein überdurchschnittliches Wachstum ergeben. Ich verstehe den Nordwesten übrigens praktisch als von Hamburg aus bis zur holländischen Grenze reichend.
Ganz schön groß...
StraubhaarJa, das stimmt. Und genau da müssen wir tatsächlich ansetzen. Regionen sollten größer definiert werden, auch mehr als bisher Bundesländer übergreifend. Das, was auf der Elbe möglich ist oder nicht, oder das, was an Autobahnen oder Schienenstrecken um Wilhelmshaven gebaut wird oder nicht, ist eben nicht nur für Hamburg beziehungsweise Wilhelmshaven jeweils isoliert wichtig, sondern noch auch für andere in der weiteren Umgebung. Die Kirchturmpolitik sollte man überwinden, um als Region zum Gewinner zu werden.
Weite Bereiche des Nordwestens sind ländlich geprägt. Der Trend geht aber zur Verstädterung, aktuell etwa zur Stärkung Oldenburgs. Was bedeutet das für die Region?
StraubhaarEs stimmt, die Urbanisierung, die Verstädterung, geht weiter. Oldenburgs Größe und sonstige Strukturen sind geeignet, um aus dem Prozess als Gewinner hervorzugehen. Aber es wird eben auch ländliche Regionen geben, die werden bevölkerungsmäßig weiter ausdünnen. Und da wird sich dann die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, auch finanziell, die Infrastruktur bis in den letzten Winkel hinein voll auszubauen. Auch wird die Gesellschaft bestimmte Versorgungsfunktionen wohl stärker als bisher in Zentren konzentrieren müssen, also etwa im Gesundheitswesen in Oldenburg. Zugleich müsste dann sichergestellt werden, dass hier genügend Hubschrauber stehen, die binnen weniger Minuten jeden Notfall in der Fläche erreichen und nach Oldenburg bringen können. Dann steigt auch für die Fläche die Qualität der Versorgung. Aber das soll nur ein Beispiel sein.
Zum Euro. Seit dem Aufspannen des Rettungsschirms und der globalen Rettungszusage der EZB scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Ist das nachhaltig?
StraubhaarDie Eurokrise als solche ist eigentlich vorbei. Die Politik einschließlich EZB hat alle Mittel, um die Erhaltung des Euro sicherzustellen. Und diese wurden genutzt. Eine ganze andere Frage ist: Wer zahlt für die Versäumnisse der Vergangenheit? Der Preis wird hoch sein, er wird generell Deutschland und viele Unschuldige stark belasten. Das wird noch schwierige Verteilungsfragen aufwerfen.
Die Deutschen haben wohl am meisten Angst vor Inflation. Wann kommt sie?
Straubhaar Den alten Lehrbüchern zufolge hätte sie längst anspringen müssen: Die EZB hat ihre Geldmenge von Ende 2007 bis Ende 2012 verdoppelt. Dennoch sind die Preise im Eurogruppen-Durchschnitt nur leicht gestiegen. Erkennbar wird auch: Der Inflationsdurchschnitt in der Eurozone ist weniger denn je repräsentativ für jedes einzelne Euro-Land. In Deutschland könnten wir in absehbarer Zeit vielleicht auch eine Drei vor dem Komma sehen, allerdings ohne dass das unkontrollierbar würde. Im Süden kann es zugleich auch null Prozent geben oder Deflation.
Das würde für Deutschland bedeuten?
StraubhaarEine verstärkte Entwertung der Staatsschulden auf Kosten von Sparern: Der Staat bietet Anlegern Zinsen, die unter der Inflationsrate liegen.
Und Ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum 2013?
StraubhaarUnter einem Prozent. Angesichts der Unsicherheiten in der Welt ist das aber durchaus eine positive Entwicklung. Am wichtigsten vielleicht: In Deutschland muss man auch 2013 gesamtwirtschaftlich keine Angst um Arbeitsplätze haben.
