Machtkämpfe in der CDU, Koalitionsstreit zwischen Union und SPD – wie ernst ist diese Krise?

FalterIn der Union geht es meines Erachtens nur sekundär um Machtkämpfe, primär geht es um die Sache. Den meisten CDU-Anhängern geht es ums Land. Sie stimmen überhaupt nicht überein mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin und glauben nicht, dass wir das schaffen können. Angela Merkel macht eine Flüchtlingspolitik, die sie von weiten Teilen ihrer Partei entfremdet. Viele CDU-Mitglieder können das nicht nachvollziehen. Sie macht eine Politik, die gegen die breite herrschende Meinung nicht nur in der eigenen Partei und in Deutschland gerichtet ist, sondern auch gegen den Common Sense in Europa.

Als Gerhard Schröder (SPD) feststellen musste, dass ihm große Teile der Partei bei der Agenda 2010 nicht folgen wollten, hat er den Parteivorsitz an Franz Müntefering abgegeben. Ist Merkel heute in einer ähnlichen Situation?

FalterMüntefering konnte übernehmen, weil er nie als Konkurrent von Schröder galt. Angela Merkel wird sich davor hüten, den Parteivorsitz abzugeben. Sie hat die Beispiele Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vor Augen. Zwei Kanzler, die an ihrer Partei gescheitert sind. Schmidt, der als Kanzler den Fehler gemacht hatte, nicht den Parteivorsitz zu übernehmen, Schröder, der ihn abgegeben hat. Es ist auch niemand zu erkennen, der den CDU-Vorsitz übernehmen könnte. Wolfgang Schäuble gilt als Rivale und käme daher nicht infrage. Von Rückzug und Kanzlerinnendämmerung ist noch nichts zu erkennen.

Vor wenigen Wochen lag die Union in Umfragen über vierzig Prozent, zuletzt nur noch bei 34...

FalterDas ist schon sehr dramatisch. Das betrifft die Chancen bei den kommenden Landtagswahlen. Aber auch die SPD ist zu Schröders Zeiten und während der zweiten Großen Koalition unglaublich abgestürzt.

Schaukeln sich extreme Kräfte hoch?

FalterUnser Land droht es jetzt regelrecht zu zerreißen. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die die Willkommenskultur hochhalten wollen. Das ist eine Minderheit. Die Mehrheit will den Flüchtlingsstrom begrenzen. Von Weimarer Verhältnissen, die jetzt manche heraufbeschwören, sind wir aber weit entfernt.