Herr Rörig, lange Freiheitsstrafen für die Täter im Missbrauchsprozess von Lügde. Wie bewerten Sie das Urteil?

RörigDas Landgericht Detmold hat das mögliche Strafmaß weitgehend ausgeschöpft und damit auch das wichtige Signal gesendet, dass der Rechtsstaat diese schweren Verbrechen an Kindern hart bestraft. Für die betroffenen Kinder und ihre Familien ist es wichtig, dass die Urteile jetzt zeitnah verkündet wurden und sie jetzt endlich wissen, dass Justiz und Gesellschaft auf ihrer Seite stehen und ihr Leben wieder sicher ist. Dies ist wichtig, um die Gewalttaten zu verarbeiten.

Wie lässt sich ein solch eklatantes Versagen der Behörden und Ermittler wie im Fall Lügde verhindern?

RörigDer Missbrauchsfall Lügde hat wirklich viele Defizite im Kampf um das Kindeswohl deutlich gemacht und uns bitter vor Augen geführt, dass neben dem Schutz vor sexueller Gewalt auch der Schutz vor behördlichen Fehlentscheidungen verstärkt werden muss. Die Bekämpfung von Missbrauch und seinen schweren Folgen muss künftig in Bund, Ländern und Kommunen ressortübergreifend geführt und dauerhaft verstärkt werden. Kooperation, Qualifikation und eine stärkere personelle und technische Ausstattung werden aber nicht zum Minimaltarif zu haben sein. Politik muss die eklatante Schieflage im Kinderschutz jetzt schnell beenden und ihren Handlungswillen auch materiell unter Beweis stellen.

Was tun, um Missbrauch noch besser und wirksamer zu bekämpfen?

RörigIch bin erleichtert, dass die Innenministerkonferenz im Juni 2019 beschlossen hat, die gesetzgeberischen Bestrebungen zur Bekämpfung von sexuellem Kindesmissbrauch und Missbrauchsabbildungen, sogenannter Kinderpornografie, entschieden zu intensivieren und auch die Mindest- und Höchststrafen anzuheben. Dass etwa ein Mittäter im Fall Lügde im Juli nur auf Bewährung verurteilt wurde, weil er bei der Ausübung der Taten nicht vor Ort, sondern über Internet und Webcam dem Kindesmissbrauch zugeschaltet war, muss zu einer Neubewertung des Unrechtsgehalts dieser internetbasierten Straftaten führen. Gut ist der Vorschlag, Ermittlern die Möglichkeit zu eröffnen, mit computergenerierten Missbrauchsabbildungen verdeckt im Darknet Sexualstraftaten aufzuklären.