Sie sind ihr nie begegnet. Was hätten Sie Ulrike Meinhof gern gefragt?

DitfurthIch würde mit ihr über den Moment 1968/69 diskutieren, als sie anfing, aus dem Niedergang der außerparlamentarischen Revolte die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich möchte aber auch heute ihre Töchter fragen, warum sie ihrer Mutter – erfolgreicher als es der Staat je tat –, den Mund zuhalten und nicht erlauben, dass alle Texte und Reportagen von Ulrike Meinhof veröffentlicht werden.

Verstehen Sie, wenn Sie von manchen kritisiert werden, weil Sie sich so intensiv ausgerechnet mit einer Terroristin befassen?

Ditfurth Ich bin Wissenschaftlerin. Ich habe lange geforscht, um herauszufinden, wer Ulrike Meinhof war, jenseits aller Mythen. Die Erschaffer jener Legenden sind natürlich wütend auf mich. Als politische Aktivistin erinnere ich mich auch sehr gut an die politischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre. Wir undogmatischen Linken haben damals die Rote Armee Fraktion (RAF) scharf kritisiert. Wir warfen ihnen unter anderem vor, dass sie diese Gesellschaft falsch analysierten und deshalb falsche Schlussfolgerungen zogen. Es gab keine vorrevolutionäre Situation, und ihre Taten waren scheußlich.

In einer Besprechung Ihres Buches konnte man lesen, es gebe eine Seelenverwandtschaft zwischen Ihnen und Ulrike Meinhof. Stimmen Sie zu?

Ditfurth Seelenverwandtschaft, oje! Können Sie mir einen männlichen konservativen Autor nennen, der die Biografie eines Mannes schreibt und dem der gleiche sentimentale Quatsch vorgeworfen würde? Als historisch arbeitende Autorin interessierte es mich sehr, was mit einer kritischen jungen Frau in Nachkriegsdeutschland passiert ist.

Und was interessiert Sie besonders an der Person der späteren Terroristin Ulrike Meinhof?

DitfurthZum Beispiel die Frage, wie wächst ein kluges und mitfühlendes Mädchen in einer Familie von Nationalsozialisten auf? In Jena, wo die Familie ab 1936 wohnte, sah sie während des Zweiten Weltkrieges wie Zwangsarbeiter hungrig durch die Straßen liefen. So wurde sie mit Dingen konfrontiert, die ihr keiner, schon gar nicht aus ihrer eigenen Nazi-Familie, erklären wollte.

Später floh die Familie dann in den Westen – nach Oldenburg.

DitfurthSie war bald Vollwaise. Ihre angeblich so fortschrittliche Pflegemutter Renate Riemeck war eine Nazi-Frau, die ihre Akten gefälscht hatte. Ulrike wusste das nicht und hing an ihr, aber Riemeck traf harte Entscheidungen zu ungunsten Ulrikes. Ausgerechnet mit den Lehrerinnen in der katholischen Liebfrauenschule hatte sie aber Glück, dort fand sie Verständnis auch für unkonventionelles Verhalten. Aber die Verhältnisse an der Oldenburger Cäcilienschule beschrieb sie dann als Hölle. Ulrike war wissbegierig. Sie wollte mit den Lehrern über die Nazi-Vergangenheit reden. Sie trug gern Hosen statt Röcke, was ja damals strengstens verboten war. Die Mehrheit der Lehrer waren Mitglieder der NSDAP gewesen, und wer sich ihrer kleinlichen Autorität nicht unterwarf, wurde fertig gemacht.

Also sind die Oldenburger Jahre für die Biografie von Ulrike Meinhof sehr wichtig?

DitfurthJa! Sie wurde dort 1934 geboren, die Familie zog 1936 nach Jena. Im Jahr 1946 kam sie mit ihrer Mutter und deren Lebensgefährtin Renate Riemeck nach Oldenburg zurück. Die Mutter starb, und sie war mit 14 Jahren plötzlich allein mit ihrer Pflegemutter Renate Riemeck. 1952 nahm die sie dann mit nach Weilburg an der Lahn. Noch aus dem Gefängnis in Stammheim hatte Ulrike Meinhof übrigens heimlichen Kontakt mit einer ehemaligen Lehrerin aus der Liebfrauenschule in Oldenburg.

1952 schrieben Lehrer der Oldenburger Cäcilienschule Ulrike Meinhof ins Zeugnis, sie könne sich „nicht in eine Gemeinschaft einfügen“. Ist das ein früher Hinweis auf jene Frau, die später gegen die Bundesrepublik Krieg führen sollte?

Ditfurth Nein, das ist eher ein Zeichen dafür, wie gnadenlos beschränkt das Gymnasium ist, das sie da verlässt und das einer so sozialen Schülerin eine so bösartige Bemerkung hinterherruft.