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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Mediziner spricht zu Übertherapie am Lebensende

13.11.2018
Frage: Sehr geehrter Herr Thöns, 2016 haben Sie das Buch „Patient ohne Verfügung“ veröffentlicht – und wurden von einigen Ärzten massiv dafür kritisiert. Haben sich die Wogen geglättet?
Thöns: Schon einigermaßen, aber leider erlebe ich immer wieder völlig unnötige Anfeindungen. Diese bekomme ich völlig zu Unrecht, denn der Hauptvorwurf, ich würde hier extreme Einzelfälle pauschalieren, ist schlicht falsch. Letzten Monat hat der Chef des gemeinsamen Bundesausschuss – Prof. Hecken – heftig kritisiert, dass in Deutschland Menschen noch in den letzten Lebenstagen Chemotherapie bekommen. Der Ausschuss hat den Verlauf mit und ohne Chemotherapie am Lebensende bei den vier häufigsten Krebskrankheiten untersucht – und es gibt keinen Unterschied in der Überlebenszeit. Die einzigen Unterschiede – ich sage das mal drastisch – sind: Die Patienten leiden mehr, sind öfter und länger in der Klinik und der Krebsmediziner hat einen besseren Kontostand.
Frage: Wie haben Angehörige auf das Buch reagiert?
Thöns: Mit unglaublichem Zuspruch. Über tausend Zuschriften habe ich erhalten, davon nicht einmal zehn kritische. Ich erfahre viel Dankbarkeit von den Menschen dafür, dass ich ein von vielen „gefühltes“ Problem als Insider an das Tageslicht bringe. Den meisten Zuspruch bekomme ich übrigens von Pflegepersonal – die leiden auch unter den Verhältnissen, brennen aus oder verlassen die Klinken.
Frage: Sie sprechen von „Übertherapie am Lebensende“. Können Sie kurz umreißen, was aus Ihrer Sicht das Problem ist?
Thöns: Übertherapie ist entweder eine Behandlung, die Therapieziele nicht erreichen kann beziehungsweise dem Patienten mehr schadet als nutzt. Oder sie ist eine Therapie, die gegen den Willen des Patienten erfolgt. Beides ist eigentlich rechtlich verboten und wird ärztlich abgelehnt. Ärztliche Gremien widmen sich mittlerweile international dieser Problematik und fordern in Leitlinien: „Keine Fortsetzung fortgeschrittener lebenserhaltender Maßnahmen bei Patienten, für die ein signifikantes Risiko besteht, zu sterben oder schwerwiegende Folgen zu erleiden, ohne dass zuvor mit dem Patienten – oder den sie vertretenden Angehörigen – die Behandlungsziele besprochen wurden.“ Leider sind diese „Sonntagsreden“ noch nicht in der Realität angekommen.
Frage: Ist es mittlerweile zu der von Ihnen erhofften, ehrlichen Diskussion über die Übertherapie gekommen?
Thöns: Ja, es bewegt sich etwas, auch wenn ich mir das alles viel schneller gewünscht hätte. Das Ärzteblatt hat eine Reihe „Ökonomisierung“ gestartet, es fand ein erster europäischer Hauptstadtkongress in Wien, drei Tage nur zur Übertherapie in der Intensivmedizin, statt und das Oberlandesgericht München hat einen Arzt wegen Übertherapie zu einem hohen Schmerzensgeld verurteilt. Und aktuell bieten immer mehr Krankenkassen das so wichtige Zweitmeinungsverfahren an, sprich, man kann bei kritischen Eingriffen oder auch wenn der Vater auf der Intensivstation liegt, einen unabhängigen Facharzt um Rat fragen.
Frage: Wie können Angehörige dafür sorgen, dass ihren Liebsten am Lebensende im Krankenhaus unnötiges Leid erspart wird?
Thöns: Man hat ja als Angehöriger – besser als sogenannter Vorsorgebevollmächtigter – die Aufgabe, den Willen des Patienten durchzusetzen. Dafür braucht es manchmal ein starkes Rückgrat und eben die entsprechenden Dokumente wie Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung. Viel wichtiger erscheint mir allerdings, dass man sich den Rat, eine unabhängige Zweitmeinung einholt.
Frage: Im Rückgriff auf den Eid des Hippokrates, der ja unter anderem besagt, dass Ärzte Maßnahmen nur zum Nutzen und nicht zur Schädigung des Patienten einsetzen sollen: Reicht das nicht als Grundlage, damit aus der Therapie am Lebensende kein Geschäft am Lebensende wird?
Thöns: Eigentlich würde das reichen, aber kein Arzt schwört das ja heute noch. Gleichwohl reichen die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen durchaus, denn Übertherapie ist ja nicht „Falschparken“, sondern in vielen Fällen handelt es sich schlicht um Straftaten: Körperverletzung, Betrug, Nötigung – um nur einige zu nennen. Ich bin der festen Überzeugung, bei der aktuellen Schieflage bedarf es mutiger Whistleblower und engagierter Staatsanwälte. Dann würde sich sehr rasch etwas ändern. Leider schauen heute viel zu viele Mitwisser einfach weg.
Frage: Sie sind als Palliativmediziner tätig. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Palliativmedizin in Deutschland?
Thöns: Für mein Fachgebiet wünsche ich mir eine weitere so gute Fortentwicklung wie in den letzten Jahren. Es sollte mehr darauf geachtet werden, dass Palliativmedizin früh in den Verlauf schwerer Krankheiten eingebunden wird – so ist es internationaler Standard. Mein Team dagegen wird leider im Schnitt erst in den letzten 18 Lebenstagen gerufen – da gibt es Optimierungspotenzial.
Frage: Abschließend: Was erwartet die Besucher Ihres Vortrags in Ganderkesee?
Thöns: Die Besucher erwartet ein berührender Vortrag, bei dem aber auch immer wieder heftig gelacht wird. Mehr als 90 Prozent der Besucher meiner Vorträge haben in den Wochen darauf eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
 Der Vortrag von Matthias Thöns findet am Freitag, 16. November, im Rathaus Ganderkesee statt. Los geht es um 19 Uhr, organisiert wird der Abend vom Hospizkreis Ganderkesee-Hude.
Claus Arne Hock
Volontär, Agentur Schelling
Redaktion Ganderkesee
Tel:
04222 8077 2743
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