Herr Brinker, welche Chancen bringt die Energiewende für den Nordwesten?

BrinkerRiesige Chancen! Der Wandel des Strom- und Wärmemarktes in Richtung erneuerbare Energien findet in der Fläche mit geringer Einwohnerdichte statt. Also dort, wo die entsprechenden Abstände von Windmühlen zu Wohnsiedlungen eingehalten werden können, wo Platz ist für Fotovoltaik und Biogas-Anlagen. Damit ergeben sich für Kommunen, Anlagenbauer, Bürger und auch für die EWE sehr gute Chancen, diese Wende nicht nur zu begleiten, sondern zu gestalten.

Aber braucht der Nordwesten noch die Energiewende, wenn schon jetzt 70 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt?

BrinkerDer Nordwesten ist tatsächlich weiter als andere Regionen. Ein Blick auf den Windatlas reicht. Diese Entwicklung hat EWE technologisch begleitet. Deshalb verfügen wir über stabile Netze...

...obwohl der Wind schwanken kann.

BrinkerRichtig. Intelligente Netzsteuerung ist hier das Stichwort. Und natürlich gehört dazu auch das Zusammenspiel mit großen Kraftwerksbetreibern. Aber jetzt gehen wir einen Schritt weiter und wollen stärker unsere Kunden einbinden. Das gilt sowohl für die Industrie-Kunden wie auch für die Tarif-Kunden, die künftig mehr Verantwortung übernehmen für die Systemstabilität.

Wie geht das?

BrinkerJeder Kunde braucht in 24 Stunden unterschiedlich viel Strom. Oft morgens und mittags plus eine große Stromnachfrage am Abend. Die Industrie lässt die Produktion nachts oft ruhen. Jetzt ist es unsere Aufgabe, die Kunden so zu beraten, dass sie Strom dann nutzen, wenn die Preise am Spotmarkt, also an der Strombörse, günstig sind.

Wie geht das im Privathaushalt?

BrinkerWir könnten den Kunden über das Internet Preissignale – beispielsweise auf dem Fernseher – zur Verfügung stellen. Nehmen wir das Beispiel „Wäsche waschen“. Der Kunde programmiert ein, wann er die Wäsche gern fertig hätte – etwa zwischen 8 und 16 Uhr – und wir informieren ihn u.a. anhand von Wetterprognosen, wann es für ihn am preisgünstigsten wäre, den Waschvorgang zu starten.

Da wird der Stromkunde zum I T-Fachmann...

Brinker(lacht) Nein. Wir müssen dahin kommen, dass jeder, der ein Handy bedienen kann, auch ein Stromspar-System nutzen könnte.

Wie viel an Stromkosten lassen sich in der neuen Systemwelt sparen?

BrinkerZweistellige Milliarden-Summen! In Cuxhaven haben wir in einem Pilotversuch gezeigt, dass Haushalte damit rund 30 Prozent Stromkosten einsparen können. Legt man die Stromkosten in Deutschland von rund 60 Milliarden Euro im Jahr bei privaten Haushalten zugrunde, ergibt sich diese gigantische Einsparsumme.

Welche Ideen haben Sie noch für die Energiewende im Nordwesten?

BrinkerBeginnend im nächsten Jahr wollen wir gezielt auf die Bürger im Nordwesten zugehen und gemeinsam mit ihnen die Energiewende gestalten. Hier arbeiten wir zurzeit an konkreten Ideen, wie z. B. Veranstaltungsformaten. Aber wir möchten auch konkrete Beteiligungen anbieten, wie z. B. an kleineren Windparks, und so Interesse schaffen für Energiefragen.

Mit Bürgerbeteiligung an Windparks?

BrinkerGenau. In Form von Anteilen an solchen Windparks, die die Bürger erwerben können. Das Geld darf EWE hier aber nicht selbst einsammeln. Dazu muss sich der Kunde an Banken, Genossenschaftsbanken, Sparkassen oder Regionalbanken wenden. Die EWE wäre Betreiber der Windparks in der Region, schließlich können wir uns auf 25 Jahre Erfahrung stützen.

In welchen Dimensionen muss man sich die Bürger-Windparks vorstellen?

BrinkerDas reicht von einer Einzelanlage mit 3 Megawatt bis zu Windparks mit etwa 20 Windrädern und 50 bis 60 Megawatt Leistung je nach Standort. Wir wollen jährlich rund 40 Millionen Euro in solche Onshore-Windanlagen investieren. Und EWE will durch die Bürgerbeteiligung Ansprechpartner Nummer 1 für die Energiewende in der Region sein – u.a. mit Blick auf die erneuerbaren Energien, aber auch bei der Energieeinsparung sowie -effizienz.

Sie wollen auch Kommunen und Grundstückeigentümer einbeziehen?

BrinkerRichtig. Wir brauchen erstens ein sauberes Genehmigungsverfahren, zweitens den Besitzer einer Fläche und drittens Bürger, die sagen: Wir wollen uns gerne beteiligen. Das schafft auch eine emotionale Nähe. Diesem Modell gehört die Zukunft. Damit möchte EWE zum Trendsetter der Energieversorger werden.