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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Wallraffs Kampf gegen Amazon

14.12.2013
Frage: Wo bestellen Sie sich eigentlich ein Buch?
Wallraff: Im Buchladen um die Ecke. Wenn es nicht vorrätig ist, kann ich es am nächsten Tag abholen. Ich kaufe auch fast ausschließlich in Fachgeschäften. Am schändlichsten finde ich es, wenn Kunden sich ausführlich beim Fachhändler beraten lassen und dann online bestellen!
Frage: Was haben Sie gegen das Internet?
Wallraff: Prinzipiell nichts, ich bin kein Maschinenstürmer. Ich sehe schon die Vorteile des Netzes, vor allem, dass das Unrecht selbst im entferntesten Winkel der Welt schnell öffentlich gemacht werden kann. Und eine Utopie der 68er-Zeit wurde Realität: Dass nämlich der Konsument gleichzeitig zum Produzent von Nachrichten werden kann.
Frage: Jetzt kommt wahrscheinlich das Wort „aber“?
Wallraff: Ja, denn dem Missbrauch sind Tür und Tor geöffnet. Eigentlich müsste es ein Schulfach geben, in dem jungen Menschen, die total drauf abfahren und durch virtuelle Welten das sinnliche, eigentliche Leben verlernen, über die Gefahren des Internets aufgeklärt werden. Dann müsste auch vermittelt werden, wie man im Netz seriöse Nachrichten von Gerüchten und Wahnideen unterscheiden lernt. Und natürlich: Wie man sich nicht beherrschen lässt. Schließlich sind da mächtige Interessen im Spiel, die das Netz zu Manipulationszwecken benutzen.
Enthüllungsjournalist Günter Wallraff

Informationen

Günter Wallraff wurde 1942 in Burscheid geboren. Er hat sich einen Namen als Enthüllungsjournalist und Schriftsteller gemacht und besonders durch seine Reportagen über diverse Großunternehmen, die „Bild-Zeitung“ und verschiedene Institutionen wurde er bekannt. Dabei setzte er oft auf besondere Methoden, nahm andere Namen an und verkleidete sich, um skandalöse Verhältnisse aufzudecken. 1984 wurde ihm die Carl von Ossietzky-Medaille verliehen.

Zu seinen bekanntesten Büchern gehören bis heute „13 unerwünschte Reportagen“, „Ihr da oben, wir da unten“, „Der Aufmacher – Der Mann, der bei ,Bild’ Hans Esser war“, „Ganz unten“ und „Undercover. Reportagen aus der schönen neuen Welt“. Wallraff lebt in Köln. Er ist mit dem britischen Autor Salman Rushdie befreundet.

Infos unter:

Infos unter:www.guenter-wallraff.com

Frage: Sie nennen gern als Beispiel für ein Monopol den Konzern Amazon. Gibt man im Netz den Namen Günter Wallraff und Amazon ein, erscheint nicht etwa das Wort Boykott, sondern es tauchen Ihre Bücher auf, bei Amazon gelistet.
Wallraff: Das lässt sich juristisch leider nicht verhindern. Es war auch nicht einfach, als ich meinem Verlag abverlangte, meine Bücher nicht mehr an Amazon auszuliefern. Mir wurde klar gemacht, dass zehn bis 15 Prozent des Umsatzes allein über Amazon laufen. Tendenz steigend. Das ist jetzt nicht nur für mich, sondern auch für meinen Verlag ein Umsatzrückgang. Amazon macht systematisch den herkömmlichen Buchmarkt und einzelne Buchhandelsketten kaputt. Dazu kommen gnadenlose Ausbeutungsmethoden und eine totale Überwachung. Die Arbeitswelt ist ja mein Thema, da kann ich nicht so tun, als ginge mich das nichts an.
Frage: Sind Sie auch gegen
E-Books?
Wallraff: Ich bevorzuge nach wie vor gedruckte Bücher. Bei Amazons Lesegerät Kindle ist das Problem, dass der Nutzer von Amazon abhängig gemacht wird und nicht zu Formaten anderer Betreiber wechseln kann. Dazu wird man dort zum gläsernen Leser. Über Algorithmen wird genau registriert, was und bis zu welcher Seitenzahl dort gelesen wird. Es heißt, in den USA gebe es schon Autoren, die sich danach richten, die produzieren dann Literatur auf dem einfachsten, gefälligsten Niveau. So kann man mächtig Einfluss nehmen. Insgesamt führt das zu einer sozialen und kulturellen Verarmung. Amazon sägt bereits an der Buchpreisbindung, Deutschland, Frankreich und Österreich sind vielleicht die letzten Länder, in denen sich die Verlagsbranche noch standhaft wehrt. Sigmar Gabriel ist zu verdanken, dass im Koalitionsvertrag ein Passus enthalten ist, dass die Buchpreisbindung auch für E-Books gelten muss.
Frage: Sie haben Amazon nicht nur wegen der Monopolstellung angegriffen.
Wallraff: Ich protestiere vor allem gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon. Der Druck dort ist ungeheuerlich, da sind Zusammenbrüche an der Tagesordnung, da kollabieren Arbeiter, weil sie nicht einmal eigene Getränke zur Arbeit mitnehmen dürfen. Selbst eine Zeitarbeitsfirma hat die „unmenschliche“ Behandlung von Leiharbeitern kritisiert und wegen „sittenwidriger Verträge“ abgelehnt, Arbeiter dorthin zu vermitteln. Diese würden zu Umtauschware degradiert und zu Wanderarbeitern gemacht. Allerdings unterläuft Amazon meinen Boykott, denn Amazon wirbt damit, dass man alle Bücher liefern kann. Also besorgt Amazon sich meine Bücher bei Zwischenbuchhändlern. Wenigstens kann Amazon da nicht die Rabatte rausschinden, die man sonst den Verlagen abverlangt. Nach wie vor suche ich nach einem Hebel, um auch das zu verhindern.
Frage: Erfahren Sie eigentlich viel Solidarität?
Wallraff: Da kann ich mich nicht beklagen, und das ermutigt mich dann auch, an den Themen dran zu bleiben. Mich erreichen täglich Hilferufe und Fallschilderungen grausamster Arbeitsbedingungen. Manchmal gelingt es mir auch, etwas zu verbessern. Ich fühle mich da gefordert, denn schließlich war ich in den letzten Jahren selbst als Paketauslieferer für GLS, Hermes und andere unterwegs, und diese Kollegen sind die allerletzten in der Ausbeutungskette, die in so einem Konzern wie Amazon ihren Anfang nimmt.

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