Herr Professor Straubhaar, Sie sind Schweizer, Sie bekommen Ihr Professoren-Salär in Hamburg aber natürlich nicht in Franken, sondern in Euro. Damit können Sie sich nun bei Besuchen in der alten Heimat viel weniger leisten...

Straubhaar(lacht) ...in der Tat! Das ist schon bitter. Der Winterurlaub im Berner Oberland wird für mich wie für alle anderen Deutschen wohl um etwa 15 Prozent teurer. Manche werden sich diesen Luxus nicht mehr leisten wollen oder können.

War denn die Abkoppelung des Schweizer Franken vom Euro nicht richtig?

StraubhaarWahrscheinlich war bei der Bindung an den schwächelnden Euro ein Ende mit Schrecken richtig. Eine Euro-Abwertung bis zu 20 Prozent schießt aber über alles hinaus, was realwirtschaftlich gerechtfertigt wäre. Die Schweiz wird natürlich weiter existieren. Aber sie wird durch die Verteuerung ihrer Produkte für ein oder zwei Jahre kräftig geschüttelt, um sich an die Neubewertung anzupassen.

Zur Zentralbank EZB. Sie hat ein großes Programm zum Kauf von Staatsanleihen angekündigt – 60 Milliarden Euro im Monat, insgesamt mehr als eine Billion Euro. Damit soll bei den Banken Spielraum für neue Kredite, also für Investitionen geschaffen werden. Wird das tatsächlich so wirken?

StraubhaarDas Instrument kann einen Beitrag dazu leisten, die negative Spirale von Rezession, Deflation und Stocken der Kreditvergabe zu vermeiden. Es kann mithelfen, dass schwächere Euroländer wieder Tritt fassen, dass dort also über Kredite von Banken wieder Investitionen angestoßen werden, die letztlich Wachstum und mehr Beschäftigung ermöglichen. Das ist wichtig.

Verschießt die EZB mit dem Anleihekauf im Kampf gegen flaue Konjunktur und Deflationssorgen ihre letzte Patrone nicht zu früh?

StraubhaarDoch, aber wann denn, wenn nicht jetzt, in dieser kritischen Phase sollte sie die letzte Patrone einsetzen? Würde das Pulver weiter trockengehalten, könnte letztlich ein Flächenbrand entstehen, der am Ende sehr viel teurer werden könnte, weil er das ganze Euro-Gebäude zum Einsturz bringen könnte. Es ist sicher richtig, jetzt alle Register zu ziehen, trotz aller Bedenken, die ich auch teile. Es gib aber ebenso beachtliche gute Gründe.

Teilen Sie die Sorge, die EZB werde nun jede Menge Schrottanleihen ansammeln – und große Risiken, für die der Steuerzahler haften müsste?

StraubhaarDiese Sorgen verstehe ich. Aber was wäre die Alternative? Ich bin überrascht, wie unisono, auch übertrieben und teils überheblich in Deutschland viele Experten die EZB kritisieren. Eine strengere Geldpolitik würde doch ebenfalls erhebliche Risiken bergen! Die früher erfolgreiche, rein monetaristische Sichtweise der Bundesbank muss für die heutige Zeit hinterfragt werden. Es gibt keine einfachen Antworten mehr für komplexe Probleme.

Es geht um mehr als um Zahlen?

StraubhaarManche Experten aus Deutschland sollten mehr Verständnis für die Nöte und Sorgen anderer aufbringen, zumal in den Krisenländern wirtschaftliche und politisch-gesellschaftliche Verbesserungen sich Hand in Hand entwickeln müssen. Bei der Problemlösung gilt es, die Bevölkerung mitzunehmen.

Angesichts der Wahl in Griechenland und dem Anleiherückkauf-Programm der EZB ist von einer Schicksalswoche für den Euro die Rede. Sehen Sie das auch so?

StraubhaarJa, es geht um zwei sehr weit reichende Entscheidungen. Die Geldpolitik wird mit neuen Aufgaben belastet. Konkret: Die EZB agiert fiskalpolitisch, was nicht sein dürfte. Und im Schuldenland Griechenland geht es um die Frage, ob man am Euro festhalten will. Ich gehe aber davon aus, dass in Athen die Suppe nicht so heiß gegessen wird, wie sie gekocht wird. Die Vernunft wird insofern siegen, dass nicht ein völliger Bruch provoziert wird.

Das heißt?

Straubhaar Ein Teil der Auflagen und Hilfen dürfte von der neuen griechischen Regierung bestätigt werden, ein Teil wird wohl zeitlich verzögert und in die weitere Zukunft verlagert und ein gewisser Teil der Schulden und Forderungen wird den Griechen gesichtswahrend, aber für alle verkraftbar, gestrichen werden.

Rüdiger zu Klampen
Rüdiger zu Klampen Wirtschaftsredaktion (Ltg.)