Herr Weil, was kann die Bundes-SPD vom Sieg in Niedersachsen für den Bundestagswahlkampf lernen?

WeilIch glaube nicht, dass meine Partei darauf angewiesen ist, von mir Ratschläge entgegenzunehmen. Der Wahlkampf, den die niedersächsische SPD ein Jahr lang bis zur Wahl am 20. Januar geführt hat, war geprägt von einer ebenso alten wie richtigen Erkenntnis: Wer bei Wahlen erfolgreich abschneiden will, muss geschlossen sein und Geschlossenheit zeigen. Das ist der SPD in Niedersachsen in außerordentlich guter Weise gelungen. So sehr, dass viele unserer politischen Mitbewerber es nicht glauben konnten. Sie haben sich getäuscht.

Mit welchen Erwartungen fahren Sie zum SPD-Bundesparteitag in Augsburg?

WeilIch reise mit der festen Erwartung nach Augsburg, dass auch die Bundes-SPD diese Geschlossenheit zeigen wird. Dazu trägt auch die Art und Weise bei, wie das Regierungsprogramm der SPD zustande gekommen ist. Ähnlich wie bei uns in Niedersachsen wurden die Bürgerinnen und Bürger eingeladen, sich an der Programmdiskussion zu beteiligen.

Mit welchen Themen kann die SPD punkten?

WeilTraditionelle sozialdemokratische Themen finden in der Bevölkerung wieder eine breite Mehrheit. Etwa, dass wir mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland brauchen, oder, dass Märkte Regeln brauchen, damit sie zum gesellschaftlichen Wohl beitragen. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland will die Phase des egoistischen „Ich“ durch mehr „Wir“ abgelöst sehen. Dafür steht die SPD seit ihrer Gründung vor 150 Jahren.

Wie kann die SPD den Kanzlerkandidaten Steinbrück aus dem Umfragetief holen?

WeilFünf Monate vor der Bundestagswahl ist das Rennen völlig offen. Wir wissen, was wir können, wir wissen, was Peer Steinbrück kann, und wir sind uns bewusst, dass sehr viele Menschen in der Bundesrepublik große Hoffnungen in uns setzen. Steinbrücks persönliche Umfragewerte beunruhigen mich nicht. Ich habe mit solchen Umfragen meine eigenen Erfahrungen gemacht: Das Wahlergebnis zählt und nicht die Umfragen.

Wie werden Sie persönlich Steinbrück helfen?

WeilUnser größter Beitrag zu einem Wahlerfolg ist eine erfolgreiche Politik hier in Niedersachsen. Ich persönlich stehe aber selbstverständlich auch gerne für Termine mit Bundestagskandidaten und unserem Spitzenkandidaten zur Verfügung.

Wie sind die ersten prägenden Eindrücke als Ministerpräsident?

WeilBerührt hat mich das große Vertrauen, dass viele Menschen in unserem Land uns entgegenbringen. Ich spüre aber auch die großen Erwartungen, dass trotz schwieriger Haushaltslage gute Antworten auf die drängendsten Probleme gefunden werden. Dass uns das im Bereich der Endlagersuche so gut gelungen zu sein scheint, wie die Rahmenbedingungen es möglich gemacht haben, hat mich sehr erleichtert.

Sehen Sie Rot/Grün in Niedersachsen als Vorbild für den Bund? Oder folgen Sie DGB-Chef Sommer, der sich eine Große Koalition wünscht?

WeilIch verstehe Michael Sommer so, dass er sich ein Ende des Stillstands in der Bundespolitik wünscht, das aber ist mit Rot/Grün sehr viel wahrscheinlicher, als mit einer Großen Koalition. Die Liste der Aufgaben, die angepackt werden müssen, ist lang. Ich möchte nur das Beispiel Energiewende nennen, die für Niedersachsen eine herausragende Bedeutung hat. Die Chancen, die für Niedersachsen in der Energiewende liegen, sind enorm. Wer dieses Unternehmen aber so dilettantisch anpackt, wie es die derzeitige Bundesregierung tut, schadet nicht nur der Sache, sondern auch Niedersachsen – und das in überproportionaler Weise. Hinter der Kanzlerin spielt sich in der CDU ein Tohuwabohu ab. Gute Politik ist mit dieser Union derzeit nicht zu machen.