Mehr Transparenz im Hühnerstall: Rund 70 Tierhalter wollen ihre Betriebe in diesem Jahr sonntags für Besucher öffnen – das kündigt der neue Vorsitzende der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW) Friedrich-Otto Ripke im Interview an.

Herr Ripke, die Verbraucher sind unzufrieden mit der aktuellen Tierproduktion. Ist Ihre Branche bereit zu Veränderungen?

RipkeEindeutig ja. Die Geflügelwirtschaft ist bereit, aktiv nach vorne zu gehen und sich mit Verbrauchern in die offene sachliche Diskussion zu begeben.

Das klingt gut. Aber wie soll das konkret aussehen?

RipkeWir arbeiten mit der Uni Vechta zusammen am Transparenzprojekt Wing, und wir werden in 2014 über 70 Betriebe an Sonntagen öffnen und der Bevölkerung und den Schulen vorstellen. Wir wollen über das Internet mit Web-Kameras unsere Ställe einsehbar machen – nicht alle, aber einige –, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Warum ist Ihnen die Glaubwürdigkeit überhaupt abhanden gekommen?

Ripke Das sind verschiedene Gründe. Tierschutz ist enorm relevant geworden, auch durch eine bestimmte Partei . . .

. . . Sie meinen die Grünen, nicht Ihre CDU . . .

Ripke. . . richtig. Einige wenige Tierschutzorganisationen, die zum Teil mit sehr engagierten Aktivisten unterwegs sind, haben es zudem verstanden, die Medien zu beeinflussen. Das ist nicht die breite Bevölkerung; Umfragen besagen, dass 66 Prozent der Bevölkerung die deutsche Landwirtschaft und Produkte aus der Region sehr hoch bewerten.

Wir halten Tierschutz ebenfalls für sehr wichtig. Sind wir von „den Medien“ beeinflusst, wenn wir fürchten, dass es da bei Ihren Mitgliedern noch Baustellen gibt?

RipkeIch bin sicher, dass weit über 95 Prozent meiner 1500 Mitglieder gute Tierhalter sind. Ich habe mich persönlich davon überzeugt. Aber die wenigen, die die Bilder bestimmen, die teilweise auch wiederholt im Fernsehen erscheinen, die haben die Meinung in die Richtung gebracht, mit der wir uns jetzt proaktiv auseinandersetzen.

Wir glauben, dass fast die ganze Bevölkerung etwas dagegen hat, wenn Tiere nicht optimal gehalten werden. Was planen Sie, um dem bestmöglichen Haltungszustand näher zu kommen?

RipkeDie Entwicklung geht glücklicherweise sehr schnell voran. 2009 standen die Legehennen noch in Einzelkäfigen. Die waren vor dem Nachbarn geschützt, ich meine das nicht zynisch. Dann haben wir sie freigelassen in Boden- und Freilandhaltung, was richtig ist. Jetzt müssen wir uns darum kümmern, dass viele Tiere miteinander zurechtkommen.

Stichwort Schnabelbehandlung . . .

RipkeWir wollen die Schnabelbehandlung überflüssig machen durch Verbesserung der Haltung. Dazu sind Versuche geplant in unseren Mitgliedsbetrieben, zusammen mit der unabhängigen Wissenschaft. Zeitnah, das heißt in zwei bis drei Jahren, wollen wir Ergebnisse vorlegen.

Wird der Verbraucher bereit sein, mehr Geld auszugeben für Produkte, die unter Tierschutzbedingungen produziert wurden?

RipkeIch glaube, die Bereitschaft wächst. Wir haben auch Reserven: Wir geben in Deutschland für Lebensmittel rund zwölf Prozent unseres Monatseinkommens aus – das ist im Europa-Vergleich der geringste Wert. Wir müssen glaubwürdig sagen, dass die Produkte den Mehrwert Tierschutz mitbringen – und dass der Verbraucher auch dafür zahlen muss.

Wer kontrolliert, dass der Verbraucher auch den Mehrwert bekommt, für den er bezahlt?

RipkeEs ist nicht finanzierbar und nötig, alles mit staatlichen Kontrollen machen zu wollen. Der Lösungsschlüssel liegt in den Betrieben.

Dürfen wir Sie daran erinnern, dass es Tierhaltungs-Betriebe waren, die Ihnen als Staatssekretär oft Kummer bereitet haben?

RipkeUnsere Tierhalter sind Lebensmittelunternehmer im Sinne des Lebensmittelrechts. Sie müssen Eigenverantwortlich handeln und auch Eigenkontrollen machen. Das geschieht in hohem Umfang, persönlich sachkundig. Aber wir brauchen natürlich auch die staatliche Kontrolle der Eigenkontrolle, um diese Glaubwürdigkeitsbestätigung zu bekommen.

Rüdiger zu Klampen
Rüdiger zu Klampen Wirtschaftsredaktion (Ltg.)