Theorie wirkt auf viele Menschen trocken – Sie finden Theorie spannend?
Müller-DoohmJa, damals so wie heute. Weil gute Theorien die Welt erklären helfen. Theorie war nicht nur für mich eine Art Droge. Von ihr erwartete man eine Erweckung. Es gab einen geradezu manischen Drang, alles verstehen zu wollen. Und dieses zeitgeistige Bedürfnis, gleichsam an vorderster Front über alles Wissen zu verfügen, haben die Titel dieser ambitionierten Theorie-Reihe befriedigt, mit Büchern wie „Psychoanalyse und Marxismus“ oder „Der Staat in der kapitalistischen Gesellschaft“.
Die Theorie-Buchreihe des Suhrkamp-Verlages ist in Ihren Augen legendär – worin liegt die Faszination?
Müller-DoohmWas meine Generation für das Programm der Theorie-Reihe positiv eingenommen hat, war seine Meinungsvielfalt. Der Suhrkamp Verlag war für uns fortschrittlich. Denn es erschienen Bücher von Autoren gegensätzlicher Denkschulen, und erstmals gab es übersetzte Bücher, die uns mit unterschiedlichen Wissens- und Sprachkulturen vertraut machten. Es handelte sich vor allem um Titel aus Disziplinen, die en vogue waren, vor allem aus der Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaft, Philosophie. Und die Bücher waren grafisch sehr ansprechend gestaltet, so wie die Edition Suhrkamp in den Regenbogenfarben. Diese Buchprogramme hatten die Aura des Avantgardistischen – ja, das gefiel uns, denn als modern wollten wir uns in jener Umbruchzeit nur allzu gern ausweisen.
Wie kam es überhaupt zu der Reihe, die 1965 ins Leben gerufen wurde?
Müller-DoohmEine preiswerte, aber anspruchsvolle Buchreihe in Paperback-Format auf den Markt zu bringen, war die geniale (später vielfach kopierte) Idee der Verlegerpersönlichkeit Siegfried Unseld, die sein Lektor Karl Markus Michel in die Tat umgesetzt hat, flankiert von prominenten Herausgebern wie Hans Blumenberg, Dieter Henrich, Jürgen Habermas. Das ist ein Stück prägender Kulturgeschichte dieser Periode.
Welche intellektuellen Debatten wurden denn durch die Reihe angefeuert?
Müller-DoohmIn dem Programm ist eine ganze Reihe von Sammelbänden erschienen, in denen Autoren, die gegensätzliche Positionen bezogen haben, ihre Meinungsunterschiede ausgetragen haben. Beispielsweise hat sich der Philosoph Jürgen Habermas mit dem Soziologen Niklas Luhmann darüber gestritten, wie die eine zeitgemäße Theorie der Moderne beschaffen sein muss. So etwas beförderte die Debattenkultur in unserem Land.
War die Reihe denn ein Erfolg?
Müller-DoohmDie Reihe war insofern wegweisend, als sie das Tor für die Publikation von Büchern aufgestoßen hat, die Studierende bezahlen konnten. Der wirtschaftliche Erfolg hat sich, soweit ich sehe, erst eingestellt, als das Taschenbuchformat mit dem tiefblauen Cover eingeführt wurde. Die Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft gibt bis heute den Ton in den Geistes- und Sozialwissenschaften an. Und gerade Suhrkamp- Bücher waren damals ein Prestigeobjekt, wobei dahingestellt sein soll, ob sie alle auch gelesen wurden.
Was haben Sie in Ihrem Oldenburger Uni-Projekt denn jetzt konkret in den nächsten Jahren vor?
Müller-DoohmDas Forschungsinteresse von Matthias Bormuth und mir gilt zwei Fragen. Zum einen interessiert, wie die Herausgeber, die die Besten ihres Faches waren, miteinander und mit dem Verleger und Lektoren über die Programmgestaltung kommuniziert und so Einfluss auf das genommen haben, was man gelesen haben musste. Zum anderen wollen wir herausfinden, ob die Theorie-Reihe mit den vielen gescheiten Autoren dazu beigetragen hat, dass zugleich mit der Bildungsexpansion das Studieninteresse so angewachsen ist, dass es in den 1970er Jahren zu Neugründungen von Universitäten gekommen ist. So auch in Oldenburg. Als ich 1974 von Frankfurt an die Reformuni in Oldenburg gekommen bin, gehörte es für jeden Geistes- und Sozialwissenschaftler auch im idyllischen Städtchen zum guten Ton, möglichst täglich in einer Buchhandlung in der Bergstraße gezielt nach Neuerscheinungen gerade aus dem Suhrkamp Verlag zu schauen.
