Dass ich nun eine leidenschaftliche Köchin wäre, kann ich nicht behaupten. Ich koche aber ganz gerne, probiere auch mal was Neues aus. Für den Hausgebrauch reicht es, auch wenn ein und dasselbe Gericht bei mir jedes Mal anders schmeckt. Ich kann mich einfach nicht sklavisch genau an ein Rezept halten, doch mein Mann ist zufrieden, unsere Gäste sind es auch.

Ganz anders ist es mit dem Backen. Das mag ich nicht. Mochte ich noch nie. Vielleicht liegt es an einem kindlichen Trauma. Zu meinem sechsten Geburtstag hatte meine Mutter – zu diesem Zeitpunkt waren bereits sechs ihrer sieben Kinder geboren – einen Schokoladenkuchen gebacken. Ein Prachtexemplar, das schon am Nachmittag vor meinem großen Tag auf der Anrichte in der Küche stand. Ein magischer Anziehungspunkt für Kinderhände. Doch unsere Mutter hatte allen unter Androhung drakonischer Strafen verboten, am Rand schon mal ein bisschen zu knibbeln.

So kam der Kuchen jungfräulich auf den Tisch. Zwei Freundinnen hatte ich einladen dürfen. Erwartungsfroh saß ich mit den Geschwistern und den Gästen um den Tisch, jeder hatte ein prächtiges Stück Kuchen auf seinem Teller. Doch nach dem ersten Bissen ging das Spucken und Prusten los. Keine Frage: Der Kuchen war ungenießbar. Meine Mutter hatte statt Zucker Salz genommen. So landete der Kuchen in der Tonne, die eilig rausgekramten Plätzchen waren nur ein mickriger Ersatz. Zum Glück aber war der von mir so heiß ersehnte Spitzenunterrock auf dem Geschenketisch, sodass der Geburtstag unterm Strich gar nicht so übel war.

Doch meine Kuchenabneigung war geboren. Ob es nun wirklich diesem Ereignis geschuldet ist, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich jahrzehntelang keinen Kuchen gegessen. Hatte auch kein Verlangen danach. Erst seit ein paar Jahren mag ich wohl mal ein Stück, es darf nur keine Torte sein. Wen wundert es da, dass ich das Backen nicht zu meinem Hobby erklärt habe? Bei uns gab es in der Regel nur die Kuchensorte „selbst gekauft“.

Für unsere Kinder war mein Back-Defizit allerdings nicht immer einfach. Denn in Kindergärten und Schulen geht man einfach davon aus, dass alle Mütter backen können, wenn es um Geburtstage, Feste und Basare geht. Zum Glück hatten unsere Kinder aber tatkräftige und backerfahrene Kinderfrauen, die meinen Mangel ausgleichen konnten. Und dies auch mit Freude taten. Sie brachten unseren Töchtern sogar das Backen bei. Die Jüngste war mit Feuereifer dabei, sodass mein Mann sonntags zuweilen in den Genuss von Kaffee und selbst gebackenem Kuchen kam. Und in der Weihnachtszeit war die Keksdose mit leckeren Plätzchen gut gefüllt.

Eben diese Tochter musste nun 39 Jahre alt werden, bis sie den ersten von mir selbst gebackenen Geburtstagskuchen bekam. Sie war ganz gerührt, konnte es kaum glauben, dass ich ihr eine Eigenschöpfung präsentierte. Einen Marmorkuchen, dem mein Mann mit Hingabe eine 39 aus Smarties verpasst hatte. Ich war gerührt von der Rührung meiner Tochter und traute mich nicht zuzugeben, dass ich eine Backmischung genutzt hatte.

Backmischungen sind nämlich meine Rettung. Damit kann selbst ich Kuchen backen, doch ich schäme mich immer ein bisschen, das Kind beim Namen zu nennen und hoffe jedes Mal, dass ich nicht nach dem Rezept gefragt werde.

Und dann gibt es da noch den Becherkuchen, den ich in der Tat aus dem Effeff beherrsche und für den man nichts abwiegen muss. In den Becherkuchen gehört Schmand, der Schmandbecher dient dann als Maßeinheit für Mehl und Zucker. Obendrauf kommen Mandeln. Der selbst gebackene Kuchen braucht insgesamt nur gut zwanzig Minuten im Ofen. Das gefällt mir. Dass es in der Küche jedes Mal wie nach einem Bombeneinschlag aussieht, sei nur am Rande erwähnt. Und das Saubermachen fördert nicht gerade meine Lust auf die nächste Backaktion.

Beim letzten Backerlebnis, gerade ein paar Tage her, musste ich etliche Backpulvertüten entsorgen. Es waren die, die bereits im August 2014 und Februar 2018 abgelaufen waren. Das Tütchen mit dem Aufdruck 07/2021 habe ich noch für gut befunden. Eine kluge Entscheidung, der Kuchen war so, wie er sein sollte. Und geschmeckt hat er auch.