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Film-Projekt Auf Spurensuche der Sinti und Roma

Jever - Eigentlich wollten sie nur eines: Einen Film drehen, als Mahnung, dass sich die Dinge aus der Vergangenheit nicht mehr wiederholen dürfen. Doch während des Drehs wurden sie diskriminiert und fühlten sich bedroht – auch in Jever. Dennoch haben sie ihr Projekt durchzogen, und nun wird der Dokumentarfilm über die Verfolgung der Sinti in der Filmpalette Jever gezeigt.

Wie berichtet, hatte Christel Schwarz, Vorsitzender des Freundeskreises für Sinti und Roma Oldenburg, das Filmprojekt initiiert. Die Familie des 71-Jährigen kommt aus Friesland, er selbst ist in Bockhorn geboren. Sein Vater Friedrich Schwarz wurde 1938 in Jever verhaftet und war bis 1945 im KZ Sachsenhausen, seine Mutter Margot Franz durchlitt Auschwitz-Birkenau, Flossenbürg und Buchenwald.

Gemeinsam mit seiner Familie begab er sich auf die Suche nach Spuren der Sinti-Familien Schwarz und Laubinger. Aus ihnen waren 27 Angehörige im März 1943 aus Zetel und Oldenburg zusammen mit 250 anderen Sinti über den Sammelpunkt Bremer Schlachthof nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden – nur wenige überlebten.

Herausgekommen ist jetzt ein Dokumentarfilm. Zu sehen sind Szenen wie diese: Eine sehr junge Frau blickt ernst in die Kamera. Sie sitzt auf einem Sofa in einem Hotel in der Stadt Auschwitz. Das Sprechen kostet sie Überwindung: „Erst dachte ich, wir machen einen Ausflug“, sagt sie. „Aber als wir durch das Tor gingen, habe ich realisiert: Wir besuchen unsere Verwandten auf dem Friedhof.“

Sie hat gerade mit anderen Familienmitgliedern an diesem Herbsttag 2019 die steinernen Reste des sogenannten „Zigeunerfamilienlagers“ im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau besucht. Viele ihrer Vorfahren, zuvor ansässig in Zetel, wurden hier ermordet. Ihre Urgroßmutter Margot Schwarz überlebte.

Ursprünglich geplant war eine große, gemeinsame Reise der Nachkommen an die Stationen der Verfolgung und des Mordes. Realisiert wurden schließlich zwei kürzere, mehrtägige Reisen: eine von Jever über die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg bis zur Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald – und eine nach Auschwitz-Birkenau.

Obwohl es ein vergleichbares Projekt, in dem Sinti ihre Geschichte selbst darstellen, noch nicht gegeben hat, hielten die großen deutschen Stiftungen ihre Taschen zu. Der Film konnte schließlich durch Unterstützung des Landkreises Friesland und der Städte Jever und Oldenburg sowie durch private Spenden doch noch realisiert werden. Das Filmteam arbeitete praktisch unbezahlt. „Das kleine Budget macht ja das Thema nicht unwichtiger“, sagt Filmemacher Michael Telkmann. „Die Zeitzeugen werden nicht jünger. Wir haben gesagt: Wir machen das trotzdem.“ Während des Drehs hat Telkmann dann bemerkt: Im Film geht es viel mehr um die Gegenwart, als sie zuerst dachten. „Es ist kaum jemandem bewusst, wie sehr die Erfahrungen der NS-Zeit bis heute auch in der jungen Generation nachwirken. Jeder einzelne Gesprächspartner berichtet von massiven Diskriminierungen.“

Auf dem Weg nach Oranienburg kündigte ein Campingplatzbesitzer plötzlich den gebuchten Stellplatz – er habe ja nicht gewusst, dass es sich um „Zigeuner“ handele. Konsterniert berichtet der Vater eines kleinen Jungen, wie sich beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau seine Gedanken an die ermordeten Verwandten mischten mit der Erinnerung an die Beleidigungen, die er selbst als Jugendlicher zu hören bekam. Und heute werde eben sein Sohn als „Zigeuner“ beschimpft.

Auch in Jever hatte sich die Familie Schwarz bedroht gefühlt: Die Sinti hatten für die Dreharbeiten auf dem Wohnmobilplatz an der Jahnstraße kampiert, als zwei Männer vorfuhren, die die Campbewohner gefilmt und beschimpft haben sollen. Die Familie verließ Jever fluchtartig.

„Ich habe etwas über Schmerz gelernt, über Trauer und Wut“, sagt der Kameramann Omid Mohadjeri. „Ich möchte mit dem Film ohne Umwege das Herz treffen. Damit die Zuschauer über das Gefühl verstehen, wie wichtig das Thema ist.“ Die beiden Filmemacher staunen immer noch darüber, mit welcher Offenheit die Angehörigen ihnen begegnet sind.

Das Team des Gröschler-Hauses ist sich zumindest sicher: Man merkt dem Film die vertrauensvolle Atmosphäre an; dass Begegnungen und Gespräche auch weitergingen, als die Kameras ausgeschaltet waren. Die Aussagen der kleinen Reisegruppe erreichen tiefe Schichten des Verständnisses für die Auswirkungen des Völkermordes in der Gegenwart.

„Ich möchte diejenigen zum Nachdenken bringen, die mit dem Thema sonst nichts zu tun haben“, sagt Christel Schwarz. „Der Film soll eine Warnung sein, dass so etwas nie wieder passieren darf.“

Der Dokumentarfilm

„Auf Spurensuche: Jever – Sachsenhausen – Auschwitz“, gefilmt von Omid Mohadjeri und Michael Telkmann, mit Christel Menni Schwarz und vielen Familienangehörigen, wird am Mittwoch, 22. Januar in der Filmpalette aus Anlass des bevorstehen 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz gezeigt. Einlass ist ab 19.30, Filmbeginn ist um 20.05 Uhr. Der Film dauert 40 Minuten.

Die
Moderation übernehmen Christel Menni Schwarz und Hartmut Peters. Musik gibt es von „Sinti Swing Oldenburg“. Karten gibt es für 10 Euro an der Abendkasse.

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