Jever - Wer interessiert sich schon für meine Meinung? Die Politiker in Berlin, die in Hannover? Oder die Großkopferten in der EU? Die machen ja doch alle, was sie wollen. Klar, alle paar Jahre kann ich auf dem Wahlzettel mein Kreuzchen machen und damit irgendwie ein bisschen mitbestimmen. Das war’s aber auch schon.

Wer will eigentlich wirklich wissen, was ich von der großen Politik halte, ob ich mich gut oder schlecht regiert fühle, ob ich zufrieden bin, ob ich Angst habe oder nicht, ob ich eher positiv oder negativ in die Zukunft blicke? Doch nein, das war gestern, seit heute bin ich gefragt. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Hinter der Dortmunder Telefonnummer, die immer wieder als Anruf in Abwesenheit auf unserem Telefon-Display angezeigt wird, steckt die Forsa. Eine Mitarbeiterin des Markt- und Meinungsforschungsinstituts, das zu den führenden in Deutschland zählt, hat mehrfach unsere Nummer gewählt.

Sie hat nicht lockergelassen und es immer wieder versucht, bis ich endlich an der Strippe bin. Ich fühle mich ein wenig gebauchpinselt, denke nicht lange nach und willige ein: Ja, ich will bei der Forsa-Umfrage mitmachen. Ja, ich will Antworten geben, ja, ich will meine Meinung sagen. Da weiß ich allerdings noch nicht, auf was ich mich einlasse. Da ist mir noch nicht klar, dass ich Fragen nicht nur nach meinem Bildungsstand und meiner Vermögenslage, sondern auch nach meiner politischen Gesinnung beantworten soll. Und da ahne ich noch nicht, dass Forsa-Mitarbeiterinnen auch nur Menschen sind.

Doch der Reihe nach: Die Forsa-Dame hätte eigentlich gerne mit jemandem gesprochen, der zwischen 16 und 35 Jahre alt ist. Da es sowas in unserem Haushalt nicht gibt, nimmt sie mit mir vorlieb, um mir eine Frage nach der anderen vorzulesen. Manchmal genügt ein Ja oder Nein, manchmal muss ich weiter ausholen, ein paar Mal sogar einräumen, dass ich dazu nichts sagen kann.

Dabei, dies hatte ich so nicht erwartet, macht die Interviewerin nicht gerade den professionellsten Eindruck. Sie liest Frage für Frage vor, leiert dabei ein wenig und kämpft gleichzeitig mit der Technik. Ich merke sofort, da läuft was nicht rund.

Wir arbeiten uns von Frage zu Antwort: Welche Partei wird die anstehenden Probleme am besten lösen, will sie wissen, um gleich darauf auf potenzielle Kanzlerkandidaten zu sprechen zu kommen. Söder, Scholz oder Habeck werden abgefragt. Ich weiche vom Schema ab: „Am liebsten Merkel“, sage ich. „Das geht nicht“, antwortet die Forsa-Mitarbeiterin. „Dann Frau Baerbock“, entgegne ich und ernte ein „Geht auch nicht.“

Ob es meine Antworten waren? Die Dame wirkt irritiert. Vielleicht hat sie aber auch wirklich nur Technik-Probleme. Ich höre, wie sie auf der Tastatur herumhämmert, zwischendurch ein leises Stöhnen.

An diesem Punkt erklärt die Interviewerin aus dem Homeoffice plötzlich, sie müsse die Befragung leider beenden und einen Supervisor kontaktieren. Ich biete an, das Gespräch zu unterbrechen. Sie könne sich gerne wieder melden, wenn die Probleme gelöst seien. Keine fünf Minuten später geht’s weiter. Eine Kollegin von ihr ruft an. Die sitzt in einem Call-Center in Frankfurt, wie sie am Ende bereitwillig berichtet, als ich den Spieß umdrehe und von ihr Antworten haben möchte.

Mit ihr geht es jetzt zügig durch die Fragestunde. Corona – ein großes Thema: Wie optimistisch bin ich, in einem halben Jahr mein altes Leben zurückzuhaben, wie sicher fühle ich mich in einer Arztpraxis oder in der Notaufnahme? Habe ich Angst, mich im Krankenhaus zu infizieren? Und überhaupt: Habe ich in Pandemie-Zeiten Vertrauen in unser Gesundheitswesen, bin ich schon geimpft, ja oder nein, und kann ich mir eine Corona-Vermögenssteuer vorstellen?

Frage, Antwort, Frage, Antwort. Es wird politisch: Welche Partei wähle ich, welche habe ich gewählt, bin ich sogar Mitglied? Sollte Deutschland in der weltpolitischen Lage eher mehr oder weniger Verantwortung zeigen? Puh, mir raucht der Kopf.

Mach ich mir Sorgen, ob ich meinen Lebensstandard beibehalten kann, könnte ich mir vorstellen, mal die Dienste der Tafel in Anspruch nehmen zu müssen, macht die Politik genug, um allen eine Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen? Und: Sehe ich den Weltfrieden in Gefahr?

Ich habe es mir nicht so anstrengend vorgestellt, gefragt zu sein. Bin glatt ein bisschen erschöpft, die Frau aus Frankfurt arbeitet Punkt für Punkt ab und bietet mir am Ende an, auch zukünftig von Forsa interviewt zu werden. Gerne auch in Internetbefragungen.

Sie bedankt sich für das nette Gespräch. „War richtig Arbeit“, denke ich. Doch jetzt weiß ich endlich, was ich schon immer mal wissen wollte. Wie nämlich kommen die klugen Artikel mit den vielen Prozentzahlen zustande, in denen ich jetzt vielleicht nachlesen kann, dass 48 Prozent der Deutschen Angst haben, sich im Krankenhaus mit Covid 19 zu infizieren? Oder dass 53 Prozent eine Vermögenssteuer für Corona ablehnen.

Was ich davon halte? Interessiert ja eh keinen. Außer Forsa.