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Auswanderer Ein Neuanfang auf Brasilianisch

Brigitte Meiners

Jever/Demetria - Sie leben in einem Haus mit Platz für viele Gäste. Mitten im Grünen. Im Thymian-Topf auf der Veranda wohnt ein nur wenige Zentimeter großes Tier, das aussieht wie ein Stock, von der Küche aus blickt man auf eine große Palme, und ab und zu kommt ein Königsspecht zu Besuch, der einen knallroten Kopf hat. Ina Hinrichs und ihr Mann Miguel Cisneros sind an ihrem Wunschort angekommen. Sie wohnen in Demetria, nahe der Stadt Botucatu in Brasilien. „Das heißt übersetzt gute Luft“, berichtet Ina Hinrichs im Video-Gespräch. Besser kann man es wohl nicht treffen.

Die Entdeckerin

Im Oktober vergangenen Jahres haben die beiden ihre Ankündigung, Jever zu verlassen und sich in Miguel Cisneros’ Heimat niederzulassen, in die Tat umgesetzt. „Ich habe es nicht eine Minute bereut“, erklärt die 46-jährige Frau, die Familie und Freunde in Jever zurückgelassen hat, um Neues zu wagen.

Dabei hätte in Jever alles so weiterlaufen können, bis zur Rente. Ina Hinrichs arbeitete in der Zahnarztpraxis von Hille Leiner-Leffringhausen, ihr zwölf Jahre jüngerer Mann Miguel Cisneros hatte einen Job als Übersetzer bei der jeverschen Firma TS Global Projektmanager gefunden. Perfekt eigentlich, doch den beiden wurde zunehmend bewusst, dass dies nicht das Leben ist, das sie sich wünschten. Sie wollten sich weiterentwickeln, sich neu erfinden.

Dass man dafür das Alte loslassen muss, war dem Paar klar. Und nachdem der Termin für den Umzug nach Brasilien auch wegen Corona mehrfach verschoben werden musste, landeten sie am 21. Oktober in der neuen Welt, der altbekannten für Miguel Cisneros, der ungewohnten für Ina Hinrichs.

Zunächst wohnten sie bei ihrer brasilianischen Familie, doch schon das zweite Haus, das sie sich angeschaut haben, war das richtige. „Wir konnten es mieten“, erzählt die in Sophiengroden geborene Frau. Sie leben jetzt mitten auf dem Lande.

Die Gegend hier, etwa drei Stunden von Sao Paulo entfernt, sei dünn besiedelt und als Wohnort wohl auch wegen der nahen Waldorfschule sehr begehrt. „Es ist ein bisschen das europäische Brasilien“, erklärt die Auswanderin, die sich mit ihrem neuen Leben bestens arrangiert hat.

Während ihr Mann weiter bei dem jeverschen Übersetzungsbüro beschäftigt ist und ohne Probleme per Internet arbeiten kann, hat Ina Hinrichs sich auf die Suche nach einem neuen Job gemacht. Dass sie hier als Prophylaxehelferin nicht arbeiten könnte, das war ihr von vornherein klar.

Die Deutschlehrerin

„Ich will mich neu entdecken und herausfinden, welche Fähigkeiten in mir schlummern“, so hatte sie es im Sommer 2020 formuliert. Jetzt, eineinhalb Jahre später, ist sie gerade dabei, ihre anderen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ina Hinrichs gibt Kurse an der Waldorfschule und arbeitet als Deutschlehrerin.

Sie unterrichtet derzeit einen jungen Mann, der nur Portugiesisch spricht. „Das ist schon eine Herausforderung“, erzählt sie. Doch es macht ihr großen Spaß, genauso wie die Arbeit mit einem jungen Mädchen, das mit ihren Eltern zwei Jahre lang in der Schweiz gelebt hat und nun die deutsche Sprache nicht vergessen soll. Neben dem Unterrichten hat Ina Hinrichs noch einen anderen Broterwerb gefunden, wobei das Wort Broterwerb kaum treffender sein könnte.

Die Brotbäckerin

Die zupackende Frau mit dem ungebrochenen Optimismus backt Brot, das sie dann in ihrer großen Whatsapp-Gruppe anbietet. „Die Brote sind schnell verkauft“, sagt sie und lacht in die Kamera.

In Brasilien gebe es eigentlich nur helles, weiches Brot. Da ist ihr Selbstgebackenes, mit Körnern, Sonnenblumenkernen und dunkler Kruste, etwas Besonderes. „Brot muss beim Essen ein Geräusch machen“, sagt sie. Ihr Brot ist knackig und findet guten Absatz.

Das dritte berufliche Standbein ist allerdings noch Zukunftsmusik. Zusammen mit einer Freundin der Schwiegermutter will sie therapeutisches Reiten anbieten. „Das muss sich noch finden“, erklärt die Norddeutsche, die das brasilianische Landleben liebt.

Die Umweltschützerin

Und genau deshalb engagiert sie sich mit ihrem Mann ehrenamtlich im Umweltschutz. „Das Umweltbewusstsein hier ist nicht sehr ausgeprägt“, erzählt sie, da gebe es noch viel zu tun. Ina Hinrichs ist mit ihrem Leben voll und ganz zufrieden, auch wenn Corona die Menschen verändert habe.

„Die brasilianische Leichtigkeit ist verloren gegangen“, sagt sie. Das bedauert sie sehr. Ansonsten aber läuft sich ihr Leben allmählich ein. Drei Tage vor Weihnachten sind endlich auch die Möbel aus Deutschland angekommen.

Die Freiheitsliebende

Heimweh? Nein, das hat Ina Hinrichs nicht. In Brasilien lebe man eindeutig freier, ungezwungener, unbürokratischer. Für sie war es die richtige Entscheidung. Manchmal allerdings hat sie „Familien- und Freunde-Sehnsucht“, wie sie es nennt.

Die will sie stillen, wenn sie mit ihrem Mann im März für sechs Wochen nach Jever kommt. Doch danach geht es wieder zurück in die neue Heimat, die für Ina Hinrichs, nicht nur was die portugiesische Sprache angeht, viele Herausforderungen bereithält. „Man muss Geduld haben, um den richtigen Weg zu finden“, sagt sie und lacht.

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