Jever - Ganz unerwartet kann etwas Schlimmes passieren. Ein Unfall, ein plötzlicher Tod. Es kann wie ein Schlag treffen, aus der Bahn werfen, alles durcheinanderwirbeln, eine Welt zusammenbrechen lassen. Und dann ist sie da: Kay-Britta Stahl. Vor rund drei Jahren hat die Lehrerin des Mariengymnasiums ihre Ausbildung zur Schulseelsorgerin abgeschlossen. Am Mittwoch ist ihre offizielle Einführung in der Stadtkirche Jever.

Im vergangenen Jahr hat die Notfallseelsorge Friesland-Nord ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Sie ist eine feste Einrichtung innerhalb der Rettungskette, wird also auch über die Leitstelle alarmiert. Die Notfallseelsorger kümmern sich um Einsatzkräfte und um Angehörige, etwa nach einem Unfall, einem Hausbrand oder auch nach einem Todesfall.

Seit einigen Jahren bietet die Niedersächsische Landeskirche auch Ausbildungen zu Schulseelsorgern für Religionslehrer an. Sie sollen an der Schule helfen, mit Trauer, Tod und Krisen umzugehen.

„Ich kenne nur wenige Schulen aus der Gegend, die dieses Angebot wahrnehmen“, sagt der Schulleiter des Mariengymnasiums, Jürgen Ploeger-Lobeck. An dieser Schule ist die Fachobfrau für Religion, Kay-Britta Stahl die erste, die eine solche Ausbildung absolviert hat. Regelmäßige Fortbildungen stehen auch an.

Zwar sei Insa Abrahams als Beratungslehrerin auch eine Ansprechpartnerin für die Schüler. Und vor allem viele der Jüngeren wenden sich mit Problemen auch oft an Kerstin Land. Doch mit Kay-Britta Stahl gibt es nun auch jemanden, der sich um besonders schwerwiegende Probleme kümmert – ehrenamtlich, zusätzlich zum normalen Unterricht.

„In solch schwierigen und schlimmen Situationen gerät man meist ganz plötzlich und unerwartet. Es herrscht ein Ausnahmezustand – und dann ist es gut, auf eine Routine zurückgreifen zu können“, weiß Kay-Britta Stahl. Dafür hat sie bestimmte Methoden in ihrer Ausbildung gelernt, auf die sie zurückgreifen kann. So gibt es zum Beispiel ein erstes „Tür-und-Angel-Gespräch“, sozusagen eine erste schnelle Hilfe, erklärt Kay-Britta Stahl. Hier hat sie einen Leitfaden an die Hand bekommen, der vorgibt, wie sie ein schwieriges Gespräch einleiten und beenden könnte, sodass sich die betroffene Person nicht allein gelassen fühlt.

Danach besteht die Möglichkeit, noch einmal ausführlicher miteinander zu reden. Dabei betont die Religionslehrerin: „Es geht nicht darum, den christlichen Glauben zu vermitteln. Ausnahmslos jeder kann zu mir kommen und mit mir reden – übrigens auch die Lehrer und Eltern der Schüler.“

Nicht selten kämen bei solchen Gesprächen auch alte Probleme mit hoch. „Aber in den Gesprächen mit mir geht es nicht darum, alte Verletzungen wieder aufzuwühlen, sondern lösungsorientiert an dem aktuellen Problem zu arbeiten.“ Wenn Kay-Britta Stahl merkt, dass sie selbst an ihre Grenzen stößt, dann zeigt sie verschiedene Möglichkeiten auf, empfiehlt zum Beispiel, professionelle Hilfe zu suchen. „Es ist erstaunlich, was ich schon zu hören bekommen habe.“ Was das genau ist, darf Kay-Britta Stahl aber nicht sagen – sie unterliegt dem Seelsorge-Geheimnis. Doch natürlich hat auch sie selbst die Möglichkeit, mit anderen Menschen darüber zu reden, etwa mit jemandem der Notfallseelsorge Friesland-Nord. Denn für sie selbst ist es auch nicht immer leicht, die Probleme zu verarbeiten, mit denen die Schüler zu ihr kommen.

Wenn das Gespräch nicht ausreicht, hat Kay-Britta Stahl auch einen Notfallrucksack dabei. Was darin ist? Zum Beispiel Stifte und Papier, um einen Brief zu schreiben. Oder auch eine dunkelblaue Samttischdecke, um einen Trauertisch für einen verstorbenen Mitschüler einzurichten.

Natürlich hoffen alle – Schüler, Lehrer und Eltern – dass dieser Notfallrucksack nicht geöffnet werden muss. Doch ist es sicher etwas beruhigender, zu wissen, dass er da ist. Und dass Kay Britta-Stahl da ist – damit man in einer schlimmen Situation doch ein wenig Halt finden kann.  Der Gottesdienst beginnt Mittwoch um 18 Uhr in der Stadtkirche Jever. Hier wird Kay-Britta Stahl durch den Oberkirchenrat in das Amt der Schulseelsorgerin eingeführt. Der Gottesdienst wird von Schülern gestaltet.

Antje Brüggerhoff
Antje Brüggerhoff Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt