Jever - Die Sturmböen der vergangenen Woche waren jedem eine Mahnung, der alte Bäume besitzt: Totholz krachte aus den Kronen, manchen Riesen legten sie ganz flach. Und das kann für den Eigentümer teuer werden, wenn jemand verletzt oder fremder Besitz beschädigt wird. Die Verkehrssicherungspflicht ist einer der Gründe, warum im Frühjahr die Baumpflege angesagt ist – auf städtischem Grund oder in Privatgärten. Wer sich nicht kümmert, dem droht bei einem Unfall der Haftungsausschluss durch die Versicherung.
Specht und pilz
Die Stadt Jever hat vergangene Woche für einige Bereiche der Stadt angekündigt, dass Bäume bis Ende Februar weichen müssen, für deren Standfestigkeit keiner mehr die Hand ins Feuer legt. Da reicht es nicht mehr, nur Totholz zu entfernen. „Wenn der Specht drin ist, heißt das, dass es dem Baum nicht gut geht, bei einigen ist Pilzbefall zu sehen“, weiß Philip Berens, der Umweltbeauftragte im Bauamt der Stadt Jever. „Und dann muss der Wind nur einmal aus der falschen Richtung kommen, und er bricht oder wird entwurzelt“, fügt er hinzu. Das kann aber auch gesunden Bäumen zustoßen, und dann sollte in ihrer Reichweite weder Mensch noch Ding sein.
Auch in diesem Jahr waren wieder Bäume für die Fällung zu markieren. Auf dem Gelände des Hauptpumpwerks an der Schenumer Leide, auf dem auch die Ruinen des alten Klärwerks stehen, trifft es diesmal eine Reihe von hohen Pappeln. Hier wären keine Spaziergänger oder Autofahrer gefährdet, denn es ist ein abgesperrter Bereich, sondern das von der EWE betriebene Hauptpumpwerk der Stadt. Einige dieser Pappeln müssen gefällt werden, weil ihr Fallradius sich mit der Pumpwerkstation und deren Becken überschneidet. „Wenn dieses Pumpwerk einmal ausfallen sollte, säuft die halbe Stadt im Abwasser ab“, sagt Hans-Wilhelm Schaus, ebenfalls vom Bauamt.
Mit Skepsis und Sorge verfolgt Gisela Oltmanns aus der Neisser Straße die geplanten Baumfällungen – und mit ihr eine ganze Reihe von Anwohnern und Benutzern des Wanderwegs zwischen Siedlungsgrenze und Tief. Ihr Grundstück wie auch etliche Grundstücke an der Trakehner, der Kolberger und der Königsberger Straße gehen nach hinten zur Schenumer Leide raus. Wenn die Naturfreundin aus dem Garten über das Tief blickt, sieht sie die von Bäumen und Strauchwerk eingefassten Klärwerksruinen. Dort hat sie sogar schon selbst gezogene Bäume gesetzt, um zum Wind- und Sichtschutz beizutragen. „Da ist im Sommer alles grün, ein wunderbarer Anblick“, schwärmt die Rentnerin. Spaziergänger nähmen diesen Bereich als Wäldchen wahr und liebten den Anblick sehr, wie sie immer wieder höre.
jeder baum ist wichtig
Schon seit vielen Jahren setzt sich Gisela Oltmanns für Bäume und Biotope ein. Bis zum Tod ihres Mannes Oltmann Oltmanns vor 15 Jahren, des langjährigen Naturschutzbeauftragten des Landkreises Friesland, tat sie es gemeinsam mit ihm. Gisela Oltmanns tut es um jeden Baum Leid, der keinen Schatten mehr spenden und kein CO2 mehr speichern, keinen Sauerstoff produzieren und den Wasserhaushalt im Boden nicht mehr regulieren kann. „Es dauert so lange, bis sie diese Größe erreichen und sie sind so leicht gefällt“, sagt sie – und sie sagt es auch über die Bäume auf dem Pumpwerksgelände.
Gisela Oltmanns unterstellt nicht, dass hier leichtfertig Kahlschlag betrieben werde. Im Gegenteil, konstruktiv begleitet sie das Bauamt seit Jahren mit Anregungen, Beobachtungen und Gesprächen über das Gelände als Lebensraum für Tiere und nicht zuletzt als Naherholungsraum für Menschen. So wie Philip Berens schon Vertreter der unteren Naturschutzbehörde und der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Natur und Umweltschutz über das Gelände geführt hat, hat er auch mit Gisela Oltmanns vor den Bäumen gestanden. Sie weiß auch, dass nicht alle Bäume gefällt werden, die markiert sind. „Dann sollte man allerdings auch die Markierung entfernen, damit nicht versehentlich etwas passiert“, findet sie.
Heimat für Großfalter
Pappelschwärmer, Rotes Ordensband, Blaues Ordensband, Große Pappelglucke, das sind die Namen der seltenen Großfalter, die in den oberen Etagen einer Hybridpappel leben, einen Roten Ordensband hatte Gisela Oltmanns schon in ihrer Diele zu Besuch. Zahlreiche Vogelarten beobachtet sie auf dem Areal. Aber die Jeveranerin will diese Dinge im Dialog zur Sprache bringen, mahnen und sogar ihre Mitwirkung anbieten, anstatt in eine Konfliktsituation zu steuern. Sie ist eine Mahnerin und weiß natürlich auch, dass die Verkehrssicherungspflicht schwer wiegt.
habitat-Stümpfe
In der Stadtverwaltung ist man sich dessen bewusst und tauscht sich mit der Anwohnerin aus, nimmt ihre Bedenken ernst. Aber Philip Berens sieht auch den Handlungsbedarf: Die Pumpstation müsse geschützt werden, und einer der Bäume könnte, wenn er stürzte, mit seiner Krone sogar einen Garten auf der anderen Seite der Schenumer Leide treffen. Berens zeigt auf große Abbrüche von Ästen aus früheren Stürmen. Aber es sollen auch ja auch nicht alle Bäume gefällt werden. Rund um die Ruine bleibt alles wie es ist, und auch einige Pappeln und Eschen hinter dem Pumpwerk bleiben stehen. Von den gefällten Bäumen werden etliche als sechs Meter hohe Habitat-Stümpfe für Vögel und Insekten überdauern. Die Artenvielfalt sei nämlich auch der Stadt ein Anliegen sagt der Umweltbeauftragte.
