Jever/Ganderkesee - Früher war die Welt noch einfach. Ein Mann sollte in seinem Leben ein Kind gezeugt, ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt haben. Heute gibt es scheinbar unendlich viele Bücher über Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist: „100 Dinge, die man tun sollte, bevor man 18 ist“ oder auch „1000 Orte, die man besucht haben sollte“. Ich besitze auch ein solches Buch. Es ist genügsam. 101 Dinge soll ich erledigt haben, bevor mein Leben vorbei ist. Tatsächlich kann ich hinter einige von diesen Aufgaben einen Haken setzen. „Schaff es auf die Titelseite einer Tageszeitung“ zum Beispiel. Zugegeben, das ist jetzt in meinem Job als Redakteur kein ganz großes Kunststück. Enthalten sind aber auch Aufgaben, an denen ich krachend scheitern werde.
Einen dieser wichtigen „Erledigt-Haken“ – mein erstes Mal – verdanke ich meiner mitunter großen Klappe, für die ich mich häufig klammheimlich verfluche. So ist es auch am 17. August 2016. Ich schaue aus dem Fenster und weiß nicht, ob ich fluchen oder hysterisch lachen soll. Die Sonne scheint an einem makellos blauen Himmel. Die Sicht ist atemberaubend. Es ist laut. Das liegt an dem Motor, der das kleine Flugzeug, in dem ich mit zehn anderen überwiegend jungen Menschen Platz genommen habe, stetig in die Höhe zieht. Hinter mir sitzt Alex. Ihm werde ich gleich für einen Zeitraum von etwa acht Minuten mein Leben in die Hand geben. Ich habe ein sehr mulmiges Gefühl in der Magengegend, aber fliehen kann ich nicht. Der einzige Weg hier raus führt steil nach unten. Und den kann man nicht einmal gehen – nur fallen. Und genau das habe ich heute vor: einen Tandemsprung mit dem Fallschirm aus 4000 Metern Höhe.
Lockere Stimmung, Spannung liegt in der Luft
Alex hat mich eine Stunde vorher im kleinen Hangar am Platz eingekleidet. Ein Funktionsanzug, eine Haube für den Kopf und eine Schutzbrille gehören zur Standardausrüstung. Die Stimmung ist locker, kleine Scherze werden gerissen. Keine Frage, Alex scheint eine coole Socke zu sein. Zumindest nimmt seine Art ein wenig die Spannung, die in der Luft liegt. Dass ich jetzt hier stehe und nicht am Strand in die kühle Nordsee springe, verdanke ich meiner Freundin Jana. Sie hat mir den Sprung zum Geburtstag geschenkt. Jana hat ein verflucht gutes Gedächtnis und erinnert sich an alles. Auch wenn ich leichtfertig über Dinge schwadroniere, die ich unbedingt in meinem Leben einmal getan haben muss. Jetzt habe ich den Salat.
Im Flugzeug wird es unruhig, die Seitentür öffnet sich. Die ersten Einzelspringer machen einen schnellen Abgang und verschwinden in der Tiefe. Vier Tandems sind noch übrig. Alex zieht die Gurte, an denen ich an ihm hänge, noch einmal kräftig fest. Nachdem das erste Tandempaar den langen Weg nach unten angetreten hat, klettert mein Kameramann aus dem Flugzeug und hält sich am Rumpf fest. Er wartet auf mich und Alex.
Gemeinsam rutschen wir auf dem Hosenboden der offenen Tür entgegen. Dann sitzte ich buchstäblich am Abgrund. Meine Beine baumeln aus dem Flugzeug im Nichts. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, doch es sind nur ein paar Sekunden, bis Alex uns aus dem Flugzeug kippt. Niemand ist gekommen und hat aufgelöst, dass es nur ein Beitrag für die versteckte Kamera ist. Auf das nun folgende Gefühl im Magen kann einen niemand vorbereiten. Die Beschleunigung ist der helle Wahnsinn.
Felix Baumgartner hat bei seinem Rekordfallschirmsprung im Oktober 2012 eine Geschwindigkeit von 1341,9 km/h erreicht. Ich bin mir bis heute sicher, dass wir schneller waren. Die ersten paar hundert Meter kann ich nicht anders: Ich schreie. Ob aus Angst, Vergnügen oder angesichts des unglaublichen Gegenwinds, der mir tatsächlich ein wenig den Atem raubt, weiß ich nicht mehr genau. 60 Sekunden freier Fall. Die Naturgesetze greifen. Die Beschleunigung nimmt ab und Alex sorgt für ein stabiles Fallen. Direkt vor mir „schwebt“ mein Kameramann mit gleicher Geschwindigkeit zu Boden. Er streckt beide Daumen in die Höhe. Ich tue es ihm gleich und grinse in die Helmkamera. Das kommt bestimmt extrem lässig im Film, denke ich und nehme mir vor, niemandem etwas von meinem Schrei zu erzählen.
Eigene Grenzen ausloten
Vermutlich ist es ein wenig behämmert, sich aus 4000 Metern Höhe Richtung Erde zu stürzen, aber der Adrenalin-Kick ist wirklich der Wahnsinn. Ja, es macht tatsächlich unglaublichen Spaß, die eigenen Grenzen auszuloten. Du bist, was Du erlebst.
Irgendwann, tippt mir Alex kräftig auf die Schulter. Es ist das vereinbarte Zeichen. Mit meinen Händen, die ich gerade noch weit von mir gestreckt hatte, greife ich die Riemen, die meine Schulter umschließen. Ein kräftiger Ruck bremst unseren Fall urplötzlich ab. Alex hat die Reißleine gezogen, der rote Fallschirm beginnt sich über uns wie ein Dach auszubreiten. Es beginnt der entspannte Teil.
Erst jetzt merke ich auch, wie nah wir dem Flugplatz, dem Beginn unseres kurzen Abenteuertrips, schon wieder sind. Ich kann sehen, wie neben der Start- und Landebahn die ersten Springer landen und wieder festen Boden unter den Füßen haben. Auch wir nähern uns zügig dem Rasen. Wieder tippt mir Alex auf die Schultern. Jetzt sind noch kurz die Bauchmuskeln gefordert. Ich ziehe die Beine hoch und strecke sie gerade aus. Dann setzen wir auf und rutschen ein kurzes Stück auf dem Allerwertesten über das Grün. Dann ist Schluss.
Gefühle sind schwer in Worte zu fassen
Alex klinkt mich aus dem Geschirr aus und ich stehe – mit deutlich wackligen Beinen – auf. Ich kann nicht anders, ich muss einmal kräftig durchatmen. Dann noch einmal – sicher ist sicher. Alex grinst mich an: „Und? Wie fandest du es?“, fragt er mich. Es ist schwer in Worte zu fassen, was ich in diesem Moment fühle. Mir rutscht ein herzhaftes „geil“ heraus. Gefolgt von: „Das muss ich unbedingt noch einmal machen.“ Die große Klappe... sie ist einfach nicht tot zu kriegen. Dabei liegen noch viele Aufgaben vor mir. Vielleicht sollte ich erst einmal etwas weniger nervenaufreibendes machen. Eine Kuh melken zum Beispiel. Ein neuer Haken in meinem Buch der 101 Dinge, die ich getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist.
