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THEMA DER WOCHE – „KUNST“ Objektkünstlerin Lea Schürmann befreit Gegenstände von Form und Funktion

Jever/Hannover - Ein alter Polo, der wie ein ausgeweidetes Krustentier im gelben Licht steht, die Bronzeplastik einer Krabbe in Wechselwirkung dazu, Metamorphosen nostalgischer Telefone, wundersam reduzierte Hundefiguren ... Die Kunst Lea Schürmanns ist kein Blickfang fürs Wohnzimmer. Die Künstlerin entwickelt die Dinge, ihre Installationen lösen Formen und Funktionen auf. Sie wirken dem Betrachter entgegen, nehmen ihn mit in neue Zusammenhänge, ohne ihn jedoch an die Hand zu nehmen. Denn den Raum muss jeder für sich entdecken. Es geht immer auch um Wahrheit und Zweifel.

Poesie im Raum

„Aus dem, was von den Objekten in ihrer räumlichen Situation übrig bleibt, ergibt sich eine Aussage“, erklärt die Bildhauerin. Es geht ihr nicht um poetische Effekte. Und doch ist diese Kunst nicht frei von Poesie, sie spricht zum Betrachter: in Form- und Raumsprache, aus Beziehungen heraus oder über eine Soundanlage.

Mit einem Jahresstipendium in Höhe von 12 000 Euro hat das Land Niedersachsen ihre Arbeit jetzt ausgezeichnet. Als eine von vier Stipendiaten erhält sie die Möglichkeit, ihre Methode der multimedialen Rauminstallation weiter zu entwickeln. „Es ist genug, um mit einer gewissen Unabhängigkeit weiterzuarbeiten, das macht den Kopf frei für meine Projekte“, sagt die 32-Jährige. Es ist nicht das erste Stipendium, das sie erhält, aber ein besonderes.

Geboren im „Sophie“

Geboren wurde Lea Schürmann 1989 im jeverschen Sophienstift. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Sande (Altenhof), bevor die Familie nach Wiefelstede zog, und schließlich nach Portugal. Dort lebte sie acht Jahre lang mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Zurück in Deutschland, wurde die Familie in Löhne in Ostwestfalen ansässig, wo Lea Schürmann zur Schule ging. „Da lag mein Hauptinteresse schon in der Kunst“, sagt sie. Sie zeichnete und malte. Das setzte sich fort, als sie sich nach dem Berufskolleg politisch engagierte und in einer Wohngenossenschaft mit Selbstversorgergarten lebte. Sie schuf Objekte und Skulpturen. „Aber dann war da der Punkt, an dem das nicht mehr gereicht hat und ich mir den Austausch mit anderen Künstlern wünschte“, erinnert sie sich. Von 2013 bis 2019 studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Freie Kunst. Ihr Diplom machte sie in der Bildhauerklasse von Professor Raimund Kummer.

„Künstlerische Berufe hat es in meiner Familie vorher nicht gegeben“, erzählt die junge Frau. Aber den Umgang mit Werkzeug aller Art und Materialien jeglicher Beschaffenheit. Bildhauer arbeiten selten in der Stille. Lea Schürmann liebt es, Objekte zu verändern, sie in eine neue Wirklichkeit zu stellen. Stahl, Bronzeguss, Ton oder organische Materialien – egal.

Zweite Haut aus Gummi

Sogenannte Readymades, industriell gefertigte Gegenstände des Alltags, mit denen Marcel Duchamp die Kunstdefinition Mitte des 20. Jahrhunderts revolutionierte, kommen auch bei Lea Schürmann zum Einsatz. Aber sie kommen nicht ungeschoren davon, die Künstlerin ergänzt Oberflächen: Der Polo in ihrer Arbeit „the wind changes quickly around here“ (2019) hat eine zweite Haut aus Flüssiggummi, um die Illusion von Schweiß oder Raureif zu erzeugen. Die Zweige der Feigenbäume ihres Werkes „ouroboros – Schwanz im Maul“ (2019) sind mit einem Material überzogen, das an Schneckenspuren oder Harzausblühungen erinnert.

Nach ihrem Studium hat sie zunächst für ein Jahr eine andere Seite der Kunst erkundet: Sie absolvierte ein wissenschaftliches Volontariat beim Kunstverein Langenhagen, wo sie die Qualifikation für kuratorische Tätigkeit erwarb – für die Entwicklung von Ausstellungskonzepten bis zu deren Umsetzung. „Aber ich habe auch während des Volontariats schon an eigenen Objekten gearbeitet, unter dieser Doppelbelastung wünschte ich mir sehr, mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren zu können“, sagt sie. Dass sie später als freischaffende Künstlerin Jobs annehmen musste, um finanziell über die Runden zu kommen, war kein Problem, denn „das waren Sachen, in denen wenig von mir selbst drin war und die Platz ließen für eigene Projekte“.

Am Anfang steht Neugier

Panzersperren aus Ton vor einer Zeltkonstruktion aus Stahl und Trittschalldämmung („bodies of defence“, 2019), ein Schlupfwinkel aus Tannengrün („secret gardens – lair II“, 2017) oder der hermetisch verschlossene Mikrokosmos in einem Turm aus Stahlplatten („Tower“, 2022) dokumentieren, wie analytisch die Künstlerin vorgeht.

Die Neugier ist dabei eine wichtige Komponente. Die Themen sind Träume, Manipulation, Beziehung und Intimität. Sie forscht der Verfolgung und der Suche nach Schutzräumen nach, probiert Verschmelzungen des Gewohnten aus. „Etwas herausnehmen, anderes stehen lassen – ich finde es spannend, welche Formen nach der Transformation bleiben“, beschreibt die Bildhauerin ihr Vorgehen. Das Gehirn setzt die Dinge wieder zusammen – aber auch in neue Kontexte.

Inzwischen teilt sich die gebürtige Jeveranerin mit zwei Künstlerkollegen ein Atelier in Hannover, wo sie auch lebt. Die Liste ihrer Ausstellungen in den vergangenen sechs Jahren ist beeindruckend lang. Und sie wird noch wachsen – zunächst mithilfe des Stipendiums, um das sie sich mit einem Jahresprojekt beworben hat (siehe Textbox links). Um Wahrheit und Zweifel geht es auch dabei.

Was dazu noch wichtig ist: Stipendium für drei Projekte

Um das mit 12 000 Euro dotierte Jahresstipendium des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur musste sich die Objektkünstlerin Lea Schürmann mit einem ausformulierten Projektvorhaben bewerben.

Schürmann will an ihr Diplomprojekt „the wind changes quickly around here“ anknüpfen, in dem sie sich mit der Fragilität des Realitätsbegriffs befasst hat. Dabei verfolgt sie die Hypothese, das eine klare Abgrenzung der allgemein anerkannten Grundsätze von Realität nicht möglich ist, und will dies in ihre Kunstsprache übersetzen.

Für das Projekt „Offene Welten – Fragments of Eden“ der Kestner Gesellschaft Hannover wurde Schürmann eingeladen, eine Skulptur für den öffentlichen Raum zu entwickeln, die sich mit der Verschränkung und dem Zusammenwirken verschiedener lebendiger und wachsender Netzwerke vor dem Hintergrund der Klimakrise befasst. Hier arbeitet sie mit ihrem Künstlerkollegen Christian Holl zusammen.

Ein weiteres Projekt, das den Fokus auf Kooperation, Kommunikation und Gesellschaft vor dem Hintergrund der Klimakrise legt, ist die Gruppenausstellung „dystopische Beheimatung“, die Anfang 2023 in Leipzig gezeigt werden soll.

Christoph Hinz
Christoph Hinz Lokalredaktion, Jeversches Wochenblatt
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