Jever - Der kommende Montag ist in der einstigen Residenzstadt Jever ein spezieller Tag, an dem sich einige Neubürger und Gäste sicher ein wenig wundern werden, was sich am Abend und vor allem um Mitternacht Sonderbares tut. Überall ist fröhliches, lautstarkes Feiern mit viel Gesang in den Gaststätten und etlichen Hausgemeinschaften zu beobachten. Das Lösungswort heißt: „Püttbierfest“.

Dieses ist in der Marienstadt eine in Ehren gehaltene Tradition. Sie folgt einer Vorschrift, die die damaligen Zerbster Landesherren am 9. Oktober 1756 verfügten: eine neue, überarbeitete Brunnenordnung. Darin heißt es: „Alle Jahre auf dem ersten Montag nach Heilig Dreykönig sollen bei jedem publiquen Brunnen ein oder zwey Brunnenmeister nach Vielheit deren Häuser von denen Interessenten erwehlet werden.“

Bereits 1929 wurden zwar die letzten öffentlichen Pütten (Pütt von lat. Puteus = Brunnen) durch den Anschluss an die öffentliche Wasserleitung ersetzt. Das Püttbierfest als traditionelles Fest zur Pflege der Nachbarschaft blieb jedoch erhalten.

Erinnert wird dabei zu dem an die Maßnahme für besseres Wasser der ehemaligen Landesherren. Bis dahin war das Trinkwasser oft brackig und häufig mit Abfall oder Tierkadavern verunreinigt. Die Folge war Unsitte, die darin bestand, sich gegen den Durst mit Hochprozentigem um den Verstand zu trinken.

Viele der Püttachten, also Wohnbezirke, sind mit den sogenannten „Püttinteressierten“ erhalten geblieben. Aus mancher liegen sogar noch die alten Püttbücher vor. Darin beschrieben wird unter anderem das allgemeine Ritual des Amtswechsels zu Mitternacht. Dann gehen Zylinder, Amtskette und der Süker (ein Gerät zum Herausfischen von Unrat aus der Pütt) an den Amtsnachfolger über. Das erfolgt allerdings erst nach einer ausreichenden „Wasserprobe“ aus der Pütt, die naturgemäß hochprozentig ist.

Etliche der Traditionspütten sind übrigens noch heute Männerburgen. Darunter die Püttacht Wangerstraße. Sie feiert an diesem Montag ihr 300-jähriges Bestehen. Ihren Brunnen gibt es mindestens seit 1720, wie das im Schlossmuseum aufbewahrte Original-Püttbuch zeigt. Konkret wandten sich am 2. Februar ebendieses Jahres 23 sogenannte Brunneninteressenten an den Rat der Stadt Jever mit dem Antrag auf Renovierung der hergebrachten Püttordnung. Pikant ist bei dieser traditionell reinen Männerpütt übrigens, dass zu den unterzeichnenden Interessenten damals auch „Frau Pastorin Carstens“ und „Frau Magister Lauts“ gehörten.

Die Wangerpütt funktioniert noch heute. 2013 wurde sie nach einer Restaurierung von ihrem alten Standplatz an der Wangerstraße/Ecke Apothekerstraße auf ihren jetzigen Platz gegenüber vom Sporthaus Lohse wieder aufgestellt.

Ausgerechnet im aktuellen Jubiläumsjahr kann die Püttacht mit ihren derzeit 26 Mitgliedern wegen Umbauarbeiten nicht im angestammten „Haus der Getreuen“ feiern. Als angemessene Alternative wurde das Brauereimuseum gefunden. Angemessen, da Persönlichkeiten des Friesischen Brauhauses auch immer wieder Püttmeister waren, wie zum Beispiel Bolko Schröder und Günter Schmöckel.

Die neue Püttordnung, auf die sich das Fest bezieht, wurde im Übrigen erst 1756 erlassen. Um 1800 feierten die Bürger bereits an 16 öffentlichen Brunnen. Zu denen haben sich längst etliche neu gesellt. Bei den zuletzt 30 Püttachten gab es seit langem und gibt es immer wieder Frauen nicht nur als Mitglieder sondern sogar als Püttmeisterinnen. Hauptsache bleibt stets die Geselligkeit und das Reinheitsurteil bei der Wasserprobe: „Schmackhaft, rein und schüttelfest!“