Jever - Nach den Vorstellungen des Jeverländischen Altertums- und Heimatvereins könnte das Neubaugebiet An den Schöfelwiesen zum „Pädagogen-Karree“ werden: Auf Anfrage der Stadtverwaltung hat der Verein Vorschläge zur Benennung von drei Straßen eingereicht.

Wer verbirgt sich hinter den Namensvorschlägen?

Dr. Karl Steinhoff (1893 bis 1996) war zunächst Dorfschullehrer im Oldenburger Land und studierte später Rechtswissenschaften. Da Steinhoff politisch unbelastet aus der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen war, wurde er im Juni 1945 von den Engländern und Kanadiern als vorläufiger Landrat des Landkreises Friesland ernannt und am 20. Dezember 1945 zum ersten Oberkreisdirektor gewählt. 1957 ging er in Ruhestand; er hatte zahlreiche Ehrenämter in der Region inne. Steinhoff veröffentlichte volkskundliche, heimatgeschichtliche und pädagogische Artikel sowie eine Autobiografie.

Christian Heinrich Wolke (1741 bis 1825) wirkte als pädagogischer Vordenker und Schulgründer um 1800 in Dessau und St. Petersburg. Inhaltlich beschäftigte er sich mit Rechtschreibunterricht und Lesenlernen, aber er interessierte sich auch für eine bestmögliche Lernumgebung, die er im so genannten Denklernzimmer verwirklicht sah. Auch die Rolle der Frau beschäftigte Wolke. Beispielsweise entwarf er die Bezeichnung „Lehrin“ für eine unterrichtende Frau, während er „Lehrerin“ als Ehefrau eines Lehrers verstand; seine Überlegungen übertrug er auch auf andere Bezeichnungen. Sein wissenschaftlicher Nachlass befindet sich in der Bibliothek des Mariengymnasiums.

Hermann Friedrich Hollmann (1753 bis 1825) gilt als der Schulleiter, der die jeversche Lateinschule im Ideal Wilhelm von Humboldts reformiert hat: Er führte Unterricht in der bürgerlichen Bildung – Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Technik, Gewerbe und Verwaltung – ein. Damit verfolgte er nicht nur die neuhumanistische Schulreform, sondern sei auch Begründer des bürgerlichen Realschulwesens in Jever, meint Bollmeyer. Sein Verdienst sei, aus der Lateinschule ein modernes Gymnasium gemacht zu haben. In Folge der Bildungsreformen Hollmanns wurde der Schule die herrschaftliche Bibliothek zugewiesen – Grundstock der Bibliothek der Schule.

Dr. Sophie Prag (1895 bis 1955) gilt als erste Akademikerin Jevers. Sophie Prag hat 1915 als erste Schülerin am Mariengymnasium ihr Abitur abgelegt. Die spätere Kinderärztin wurde 1895 in Ankum geboren. 1933 floh sie als Jüdin vor den Nazis nach Lima (Peru), wo sie 1955 im Alter von 59 Jahren starb.

Johanne Kippenberg (1842 bis 1925, geborene Koch), setzte sich als Lehrerin für gleichwertige Bildung für Frauen ein: Der Unterricht an der Mädchenschule Jever weckte ihre Begeisterung für Literatur und Geschichte – als 20-Jährige ging sie in die „Großstadt“ Bremen, um sich am Lehrerinnenseminar von August Kippenberg (1830 bis 1889) ausbilden zu lassen. 1865 heiratete sie Kippenberg. Zusammen erweiterten sie das Kippenbergsche Seminar zur Lehranstalt, die zur größten privaten höheren Mädchenschule ganz Deutschlands wurde. Bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg befand sich die Schule Am Wall in Bremen. In den 1950er Jahren bezog das Kippenberg-Gymnasium die Räume an der Schwachhauser Heerstraße.

„Als Personen der jüngeren und jüngsten jeverschen bzw. jeverländischen Geschichte sollten Christian Heinrich Wolke, Hermann Friedrich Hollmann sowie Karl Steinhoff berücksichtigt werden“, teilte Vorsitzender Dr. Matthias Bollmeyer mit. Wolke sei der bedeutendste Pädagoge aus Jever, Hollmann sei der bedeutendste Pädagoge in Jever. Und Karl Steinhoff sei die bedeutendste Persönlichkeit des demokratischen Neubeginns nach 1945 in der Stadt Jever und im Landkreis Friesland, so Bollmeyer.

„In Verbindung mit der in den städtischen Gremien bereits angedachten Straßenbenennung nach Johanne Kippenberg könnte sich dadurch ein Pädagogen-Karree entwickeln“, sagt Bollmeyer. Die Straßenschilder sollten zudem mit Erklärungen versehen werden, Textmuster hat der Verein miteingereicht.

Über die Straßenbenennungen wird demnächst der Bauausschuss beraten. Bisher steht fest, dass die erste Straße nach Dr. Sophie Prag benannte wird. Diese Straße wird jetzt ausgebaut. Das neue Baugebiet entsteht zwischen der Verlängerung des Friesenwegs und dem Straßenzug Beim Dünkagel.