JEVER - Das Wartezimmer der Praxis in Jever ist schon gut besetzt an diesem Mittwoch, als ich um kurz vor 10 Uhr eintreffe, um einen Vormittag lang das Geschehen dort zu beobachten. An den Wänden und der Tür hängen Fotos von den vierbeinigen Patienten, denen die Ärzte in den vergangenen Jahren geholfen haben.

Der Gang zum Tierarzt gehört für jeden Haustierbesitzer dazu, beziehungsweise für jedes Tier zu dessen Leben. Gerade von Hundehaltern hört man oft, wie ihr Vierbeiner auf den Doktor reagiert. Manche merken schon im Auto, wo es hingeht und tun ihren Unmut lautstark kund. Andere, so kenne ich es aus eigener Erfahrung, lassen sich im Behandlungszimmer so leicht von den Leckerlis ablenken, dass sie beispielsweise die Spritze bei einer Impfung gar nicht mitbekommen.

An diesem Vormittag seien die Patienten auch alle ganz pflegeleicht gewesen, berichtet Tierärztin Dr. Kerstin Riedel, nachdem die zwei Stunden offene Sprechzeiten vorbei sind. Katzen, Hunde und ein Kaninchen seien 'vorstellig geworden'.

Im Wartezimmer liegt die größte Aufmerksamkeit auf den Hunden. Das liegt vor allem daran, dass die Katzen und der Hase in ihren Boxen sitzen. Die Hunde hingegen beschnuppern sich, manche sitzen ängstlich unter dem Stuhl ihres Herrchens, andere springen sofort auf dessen Schoß und wieder andere laufen umher, lassen sich streicheln, legen sich hin, laufen wieder los. Der Kreislauf wird erst dann unterbrochen, wenn Hund und Besitzer aufgerufen werden. Als dann nach einer ganzen Weile gerade keine Katzen- und Kaninchenboxen im Wartezimmer sind, darf der schwarze Labrador-Neufundländer-Mischling Leo ohne Leine durch den kleinen Raum laufen. Wer die beiden Rassen kennt, der stellt sich jetzt vielleicht vor, wie groß dieser Hund sein muss. Und so groß ist er auch.

Der neunjährige Rüde sorgt bei jedem Menschen, der das Wartezimmer betritt, für den gleichen beeindruckten Gesichtsausdruck, doch jeder merkt auch schnell, dass der große schwarze Hund keiner Fliege etwas zuleide tut – eine Streicheleinheit und etwas zu fressen wären schön, scheint er sagen zu wollen.

Die anderen Hunde hingegen halten lieber nicht zu viel Abstand zu ihren Besitzern. Die kleine Mischlingshündin Paula zum Beispiel schaut zitternd umher und bleibt an der Seite ihrer Besitzer. Als der um ein Vielfaches größere Leo ihr interessiert die Schnauze entgegenstreckt, schnuppert sie dann auch einmal. Letztlich bleibt sie aber doch lieber unter dem Stuhl – sicher ist sicher.

Als um 12 Uhr der letzte Patient vom Behandlungstisch gehoben wird, spreche ich mit Dr. Riedel über ihren Arbeitstag. 'Heute war viel los. Viele Patienten waren da und hinzukam, dass ich alleine war', sagt sie. Der Eindruck, den ich im Wartezimmer bekommen habe, bestätigt die Tierärztin: 'Alle waren friedlich, keiner hat sich gewehrt oder ähnliches.' Ein Arbeitstag, der einerseits stressig ist, andererseits aber auch 'flüssig von der Hand' geht. 'Derzeit haben viele Tiere Magen-Darm-Probleme. Dann hatten wir heute ein paar routinemäßige Impfungen sowie einige ältere Patienten mit Rückenbeschwerden und entzündeten Pfoten – nichts Gravierendes also', erklärt sie.

Ende September ist das Publikum in der Kleintierpraxis wieder fast ausschließlich friesländisch. 'Im Sommer kommen oft Touristen, deren Hund – im seltensten Fall haben welche ihre Katze mit in die Ferien genommen – etwas hat. Die üblichen Fälle sind hier, dass er viel Salzwasser getrunken oder in der Hitze lange am Strand herumgetobt ist und jetzt Kreislaufprobleme hat.' Es gibt sogar Stammkunden unter den Urlaubern, erzählt Dr. Riedel. 'Wir haben tatsächlich Haustierbesitzer, die jeden Sommer an die Nordsee reisen und dann für eine Routineuntersuchung mit ihrem Vierbeiner zu uns kommen.'

Nachdem jetzt noch ein paar Rezepte für Hund, Katze und Kaninchen abgeholt werden, ist die Sprechzeit für diesen Vormittag vorbei. Da die Praxis keine festen Termine anbietet, wissen Dr. Riedel und ihre Kolleginnen nie genau, was sie am nächsten Tag erwartet. Und sie werden erneut hoffen, dass auch morgen wieder kein Tier ernsthaft erkrankt ist.